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Drei Monate Krieg im Sudan

Das Nullsummenspiel

Analyse
Drei Monate Krieg im Sudan

Über 3.000 Tote, drei Millionen Menschen auf der Flucht – und kein Ende in Sicht. Warum das komplexe Geflecht aus Bündnissen und Interessen im Sudan keine Sieger hervorbringt, aber den Krieg aufrechterhält.

Der Sudan-Konflikt ist im Kern ein Machtkampf zwischen zwei Militärs, es fehlt eine breitere gesellschaftliche Beteiligung, um ihn als Bürgerkrieg zu bezeichnen. Das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass die beiden Antagonisten, Muhammad Hamdan Dagalo (Hemedti) und Abdel-Fattah Al-Burhan, die demokratischen Reformen nach dem Staatsstreich von 2019, der den langjährigen Diktator Omar Al-Baschir gestürzt hatte, aktiv untergraben.

 

Das Eskalationspotenzial des Konflikts ist damit jedoch noch nicht ausgeschöpft. Nach dem Sturz von Baschir ist ein kompliziertes Geflecht von Gruppierungen und Allianzen entstanden. Viele davon sind von Stammes- und ethnischen Konflikten beeinflusst, die seit Jahrzehnten schwelen. Andere sind jüngeren Datums. Sollte der Konflikt zwischen Hemedtis »Rapid Support Forces« (RSF) und den von Burhan befehligten sudanesischen Streitkräften (SAF) ausweiten, würden sich ihre verschiedenen Unterstützer gezwungen sehen, ihr Engagement zu verstärken, um ihre entsprechenden Interessen zu wahren. Das Ergebnis wäre eine sich selbst verstärkende Gewaltspirale, die zweifellos auf die Nachbarländer übergreifen und nolens volens auch regionale Akteure in den Konflikt ziehen würde.

 

Eine deutliche Verschlechterung der Beziehungen zeitigte der Sudan-Konflikt für Kairo im Westen

 

Ägypten hat das Gros der Sudanesen aufgenommen, die Richtung Norden Zuflucht vor den Kämpfen suchen. Aus Angst vor einer weiteren Belastung für seine ohnehin angeschlagene Wirtschaft hat Kairo seine traditionelle Unterstützung für die SAF noch weiter ausgebaut. Nicht mal zwei Wochen vor Ausbruch der offenen Konfrontation zwischen RSF und SAF absolvierten die Streitkräfte beider Länder gemeinsame Marinemanöver vor Port Sudan. Die SAF und Ägyptens Führung teilen auch in Bezug auf das äthiopische Staudammprojekt »Grand Ethiopian Renaissance Dam« (GERD) eine ablehnende Haltung gegenüber Addis Abeba. Allerdings sind Kairos Beziehungen zum Sudan in diesem Bereich von der Befürchtung geprägt, dass auch der Sudan stromaufwärts Wasser abzweigen könnte.

 

Eine deutliche Verschlechterung der Beziehungen zeitigte der Sudan-Konflikt für Kairo allerdings im Westen: Denn General Khalifa Haftar, dessen sogenannte Libysche Nationalarmee (LNA) den Osten Libyens kontrolliert, hat sich eindeutig auf Hemedtis Seite geschlagen. Ein Fall gegenseitiger Waffenhilfe, denn die RSF entsandten wiederum 2019 Truppen, die Haftar bei der letztlich gescheiterten Einnahme von Tripolis unterstützen sollten. Viele sudanesische und tschadische Kämpfer, die Hemedti und seiner RSF zugeneigt wären, stehen im Dienst der LNA.

 

Ägyptens Führung entsandte Ende April eine Delegation nach Tobruk. Das Ziel: Haftar davon zu überzeugen, die Allianz mit den RSF zumindest ruhen zu lassen. Der 79-jährige General, der sich ansonsten gerne als durchsetzungsstarker Macher inszeniert, gab sich plötzlich machtlos: Er behauptete, keine Kontrolle in der Angelegenheit zu haben, da die russische Söldnergruppe Wagner für den Transfer von Ausrüstung von ihren Basen in Libyen Richtung Sudan verantwortlich zeichne.

 

Die VAE laufen Gefahr, sich in dem widersprüchlichen Netzwerk aus Zweckallianzen zu verheddern

 

Einer der wichtigsten Finanziere Haftars, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), hat ganz eigene Gründe, auf Hemedti und die RSF zu setzen. Nach der Revolution 2019 leistete der Golfstaat finanzielle Hilfe und lieferte Waffen, um die zivile Regierung zu untergraben, mit der das Militär die Macht teilte. Damals standen Burhan und Hemedti noch auf derselben Seite. Der RSF-Führer diente sich den VAE vor allem als effektiver Schutz vor islamistischen Strömungen an, schließlich dominierten den Muslimbrüdern nahe Parteien lange die politische Landschaft im Sudan. Tatsächlich führte Hemedti nach Ausbruch der Kämpfe im April auch den Kampf gegen Extremismus öffentlich ins Feld – und diffamierte sein Gegenüber Burhan als Anhänger des politischen Islamismus.

 

Tatsächlich ist es vor allem die Instabilität, die Gruppen wie die RSF verbreiten, die dem Extremismus den Boden bereiten. Östlich des Sudan halten sich islamistische Gruppen, allen voran Al-Schabaab, seit Jahren am Leben und warten auf eine Gelegenheit, sich wieder zu profilieren. Noch bedrohlicher ist die Lage im Westen: In Mali und Burkina Faso gewinnen die lokalen IS-Ableger kontinuierlich an Stärke und profitieren davon, dass die Putsch-Regierungen in beiden Ländern auf Aufstandsbekämpfung per Anheuerung russischer Wagner-Söldner setzt – die wiederum keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nehmen.

 

Die VAE, die bereits im Jemen-Krieg RSF-Söldner einsetzten, werden ihre Unterstützung wahrscheinlich eher ausbauen als zurückfahren. Das Kalkül: Stabilität garantiert am ehesten jene Kriegspartei, die letztlich am ehesten die Macht militärisch konsolidieren– und auch die emiratischen Wirtschaftsinteressen schützen kann. Geflissentlich übersehen wird dabei, wie unbeliebt die RSF in weiten Teilen des Landes sind, ganz zu schweigen von den zahlreichen Kriegsverbrechen der RSF-Milizen, die teils auch schon die treibende Kraft für den Genozid in Darfur vor knapp zwei Jahrzehnten waren.

 

Allerdings droht sich die Strategie der VAE in dem komplexen und eben auch widersprüchlichen Netzwerk aus Zweckallianzen zu verheddern. Am auffälligsten ist dies in Al-Fashaga, der zwischen dem Sudan und Äthiopien umstrittenen Grenzregion, in der die jeweiligen Wirtschaftsvertreter – jeweils mit Verbindungen in die Emirate – ihre Regierungen zu proaktiven Maßnahmen drängen. Auf diese Weise könnte etwa Äthiopien direkt in den Sudan-Konflikt hineingezogen werden, der wiederum weitere Konflikte im eigenen Land anheizen oder wieder entflammen könnte.

Von: 
Jake Glasmacher

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