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Iran, Pakistan und die Luftangriffe in Belutschistan

Teherans Eigentor

Analyse
von Leo Wigger
Iran, Pakistan und die Luftangriffe in Belutschistan
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Die Krise zwischen Iran und Pakistan brachte die Region kurz an den Rand des Abgrunds. Und lässt die iranische Führung beschädigt zurück.

In einem Telefonat versicherten sich der pakistanische Außenminister Jalil Abbas Jilani und sein iranischer Kollege Hossein-Amir Amirabdollahian am Freitag ihrer Bereitschaft zu guten Beziehungen »im Geiste gegenseitigen Vertrauens und Zusammenarbeit«. Es war der vorläufige Endpunkt einer Eskalation der Nachbarstaaten, die neben den USA und China selbst die Taliban-Führung in Kabul in einem Statement dazu veranlasste, beide Seiten zur Beruhigung der Lage aufzurufen.

 

Die Krise, die Südasien in Aufruhr versetzte, nahm ihren Ausgang am Dienstag. Bei einer Reihe iranischer Raketen- und Drohnenschläge im Bezirk Panjgur in der pakistanischen Provinz Belutschistan kamen zwei Kinder ums Leben. Der Luftschlag war Teil einer iranischen Offensive, die auch Ziele im Norden des Irak und Syriens unter Beschuss nach. Nach Angaben iranischer Staatsmedien sollten die Angriffe in Einrichtungen der sunnitisch-deobandischen Separatistengruppe Jaisch Al-Adl treffen. Die hatte sich zu einem Anschlag im Dezember 2023 auf eine Polizeistation in der Stadt Rask bekannt, bei dem nach offiziellen Angaben elf iranische Sicherheitsbeamte ums Leben gekommen waren.

 

Die pakistanische Regierung verurteilte den iranischen Luftschlag aufs Schärfste. Am Mittwoch erbat sie vom iranischen Botschafter, nicht von einer Auslandsreise zurückzukehren, während sie den eigenen Geschäftsträger aus Teheran abzog. Fast zeitgleich fand jedoch eine lang geplante gemeinsame Marineübung beider Länder im Persischen Golf statt.

 

Am Donnerstag schlug die pakistanische Armee mit der Operation »Marg Bar Sarmachar« (zu Deutsch: »Tod den Separatisten«) zurück und beschoss in der iranischen Provinz Sistan und Belutschistan Ziele zweier Separatistengruppen, der »Balochistan Liberation Army« (BLA) und der »Balochistan Liberation Front« (BLF). Nach iranischen Angaben kamen in der Stadt Saravan mindestens neun Menschen ums Leben, laut Angaben des iranischen Innenministeriums allesamt ausländische Staatsbürger. Es war das erste Mal seit dem Ende des ersten Golfkriegs 1988, dass eine ausländische Militärmacht einen direkten Luftschlag auf iranischen Boden durchführte. Der iranischen Führung blieb nichts anderes mehr übrig, als zurückzurudern und mit dem Telefonat der Außenminister Schadenbegrenzung zu betreiben.

 

Der iranische Dreischlag sollte die Wehrhaftigkeit des iranischen Staates gegen externe Feinde unter Beweis stellen

 

Die Eskalation zwischen beiden Nachbarländern findet nicht mal drei Wochen vor den pakistanischen Parlamentswahlen am 8. Februar statt. Die Nachbarländer Iran und Pakistan unterhalten historisch ein komplexes, aber kooperative Verhältnis. Die Krise stellt einen Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen beiden Ländern dar.

 

Iranischen Sicherheitsexperten zufolge dürften die koordinierten Luftschläge in Pakistan, Syrien und dem Nordirak eine Reaktion auf den Anschlag auf eine Gedenkveranstaltung in der Stadt Kerman am 3. Januar für den 2020 ermordeten General der Revolutionsgarde Qassem Soleimani darstellen, bei dem rund 100 Menschen ums Leben kamen. Der afghanische Arm des sogenannten Islamischen Staates (IS-K) hatte sich zu dem Anschlag bekannt.

 

Der iranische Dreischlag auf Ziele im Nordirak, Belutschistan und Syrien sollte als Reaktion die Wehrhaftigkeit des iranischen Staates gegen externe Feinde unter Beweis stellen. Er richtete sich weniger direkt gegen die Drahtzieher von Kerman, als vielmehr gegen Feinde der Islamischen Republik, wie vermeintliche israelische Einrichtungen in Irakisch-Kurdistan oder Rückzugsorte von Jaisch Al-Adl an der iranischen Ostflanke. Die Region Belutschistan ist zwischen Pakistan und Iran aufgeteilt und gehört in beiden Ländern zu den ärmsten Gebieten.

 

Auf beiden Seiten der Grenze schwelen seit Jahrzehnten mehrere, sich teils überlappende Konflikte, die in Iran oftmals eine religiöse Komponente haben – die Islamische Republik ist schiitisch, die Bevölkerungsmehrheit der Belutschen jedoch sunnitisch, während der Konflikt im mehrheitlich sunnitischen Pakistan eher ethnisch konnotiert ist. Belutschische und paschtunische Gruppierungen fordern dort stärkere Mitbestimmung und ökonomische Teilhabe in der an Bodenschätzen reichen, aber wirtschaftlich rückständigen Provinz.

 

Trotz umfassender Repressionsmaßnahmen fällt es dem Militär bisher schwer, Imran Khans PTI-Partei entscheidend zu schwächen

 

Sie richten ihren Kampf dabei primär gegen das von Punjabis dominierte staatlich-militärische Establishment des Landes. Dabei stellt Belutschistan aus Sicht des einflussreichen pakistanischen Militärs so etwas wie die Achillesverse der heimischen Sicherheitsarchitektur dar und bedient die Furcht vor einem Zweifrontenkrieg mit Erzfeind Indien. Die indisch-iranischen Beziehungen gelten als eng. Zudem hat Indien in einen Hafen in der Stadt Chahbahar in Sistan-Belutschistan investiert, während China auf der pakistanischen Seite mit dem Tiefseehafen Gwadar ein wichtiges Puzzlestück der »Belt and Road Initiative« aufbaut.

 

Der iranische Luftschlag traf Pakistan daher an einem strategisch äußerst empfindlichen Punkt und stellte indirekt die Herrschaftslegitimation des pakistanischen Militärs in Frage. Dabei befindet sich die Armeeführung unter General Asim Munir vor den Wahlen im Februar durch einen Machtkampf mit dem beliebten Oppositionsführer Imran Khan bereits in einer Krise. Imran Khan sitzt nach einer Reihe politisch motivierter Gerichtsverfahren in Haft und wurde von den Wahlen ausgeschlossen. Doch trotz umfassender Repressionsmaßnahmen fällt es dem Militär bisher schwer, Khans PTI-Partei entscheidend zu schwächen, während die aktuell von der Armeeführung unterstützten politischen Akteure wie die PML-N der Sharif-Brüder nur noch über wenig gesellschaftlichen Rückhalt verfügen.

 

Das Militär kann sich also erstens keine Schwäche erlauben und muss zweitens jede Möglichkeit nutzen, die große Unzufriedenheit in der Bevölkerung auf externe Akteure zu lenken. Dass indische Medien die Demütigung des Nachbarn durch den iranischen Raketenangriff genüsslich ausschlachteten, dürfte den Handlungsdruck der pakistanischen Führung verstärkt haben, einen Gegenschlag auf Iran zu verüben. Chinesische Vermittlungsversuche scheiterten. Ein Gegenschlag Pakistans auf Iran war in dieser Gemengelage kaum vermeidbar.

 

Die Eskalation zwischen beiden Staaten stellt dabei ein strategisches Desaster für Teheran dar. Der iranische Angriff schwächte ohne Not die Einigkeit der islamischen Welt angesichts des israelischen Vorgehens im Gazastreifen, die bestehende Konfliktlinien zwischen Iran und seinen Klienten auf der einen Seite und rivalisierenden politischen Akteuren in der Region wie Saudi-Arabien oder der Türkei auf der anderen Seite in den Hintergrund rücken ließ.

 

Die neuerliche Annäherung von Teherans Rivalen Saudi-Arabien und Türkei unter Einbindung des pakistanischen Militärs dürfte dem iranischen Sicherheitsapparat strategisch Kopfzerbrechen bereiten

 

Zudem deckte der erfolgreiche Gegenschlag Pakistans Lücken in der iranischen Luftabwehr auf, die wohl auch in Jerusalem und Washington nicht unbemerkt geblieben sein dürften. Ein weiterer Faktor: Dass belutschische Separatisten ungestört Rückzugsräume in Iran nutzen können, hielten vorher selbst erfahrene Iran-Beobachter für wenig plausibel. Insgesamt lässt der Vorfall den iranischen Sicherheitsapparat bis auf die Knochen blamiert zurück.

 

Das lenkt den Blick auf das wohl größte Rätsel der Woche: dem nach der Motivation Teherans für den Angriff auf Pakistan. Denn das Resultat der Konfrontation kann kaum überraschen und wäre mit einem Mindestmaß an strategischer Analyse und politischen Realismus vorherzusehen gewesen. Es beschädigt das Bild Teherans als kühl kalkulierender Akteur auf internationaler Bühne. Möglich, dass es sich bei der Aktion um einen nicht mit Revolutionsführer Ali Khamenei abgestimmten Alleingang der einflussreichen Revolutionsgarde handelte. Ein Szenario, das nur auf den ersten Blick vorteilhaft für Teheran wäre, und auf den zweiten Blick die Autorität Khameneis beschädigt hinterließe.

 

Ein weiterer Erklärungsansatz: Der iranische Angriff war ein – freilich verunglückter – Warnschuss – Richtung Saudi-Arabien. Hintergrund: Erst vor kurzem vereinbarten die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan eine verstärkte Zusammenarbeit im Verteidigungssektor. Unter der Woche trafen in der saudischen Hauptstadt Riad die stellvertretenden Verteidigungsminister Talal Al-Otaibi und Celal Tüfekci sowie der pakistanische Generalstabschef Muhammad Owais zusammen, um einen verstärkten Technologieaustausch im Rüstungsbereich zu vereinbaren. Die neuerliche Annäherung von Teherans Rivalen Saudi-Arabien und Türkei unter Einbindung des pakistanischen Militärs dürfte dem iranischen Sicherheitsapparat strategisch Kopfzerbrechen bereiten.

 

Die pakistanische Führung kann die Machtprobe dagegen als Erfolg verbuchen. Sie konnte einen mächtigen Nachbarstaat in die Schranken weisen, die Bevölkerung für einen Moment einen und geht vorerst gestärkt in ein schwieriges Jahr, in dem das Risiko eines Staatsbankrotts und einer Eskalation der Auseinandersetzung des Militärs und Khan-Anhängern keinesfalls gebannt ist. Innenpolitisch dürften sich durch die Krise aber auch Probleme ergeben, beispielsweise eine Zunahme sektaristischer Gewalt gegen die schiitische Minderheit. In traditionellen Zentren schiitisch-sunnitischer Gewalt wie in Kurram spitzte sich die Situation bereits über die letzten Monate zu. Und dem Prestigeerfolg der Armeeführung zum Trotz: An den tieferen Ursachen des schwelenden Dauerkonfliktes in Beltschistan dürfte sich bis auf Weiteres wenig ändern. Denn das würde eine tiefgreifende Abkehr des politischen Hurra-Patriotismus auf beiden Seiten der Grenze erfordern.

Von: 
Leo Wigger

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