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Profil: Asma Khader

Eine Frage der Ehre

Portrait
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Foto: Womens´s Learning Partnership

In Jordanien kommen Vergewaltiger meist straffrei davon. Dank Asma Khader könnte sich dies nun ändern.

Junge Frauen brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen, dass sie in der Gesellschaft mehr als Ehefrauen sein können. Sagt die jordanische Juristin und Aktivistin Asma Khader. Dass sie dabei wohl auch an sich selbst denkt, liegt angesichts ihres jahrzehntelangen Engagements für Frauen im Nahen Osten auf der Hand. Schon lange vor Twitter-Revolutionen und Facebook-Aktivismus ebnete die 65-jährige Juristin der neuen Generation von Feministinnen in der Region den Weg. Sie war Mitgründerin der «Arabischen Vereinigung für Menschenrechte« und Präsidentin der Jordanischen Frauenunion. Ende der 1990er Jahre initiierte sie ein Programm zur Alphabetisierung von Frauen und rief das jordanische Jugendparlament ins Leben, dessen Sitze je zur Hälfte an Mädchen und Jungen vergeben werden. 

Ihr Einsatz fand in Form von politischen Posten und internationaler Nachfrage Anerkennung. 2003 wurde Khader die erste Regierungssprecherin des Landes, ehe sie von 2004 bis 2005 als Kultusministerin dem Kabinett von Premier Faisal Al-Fayiz angehörte. Sie war Mitglied der Beratungskommission für Frauenrechte bei Human Rights Watch und war Teil der UN-Kommission, die Menschenrechtsverletzungen in Libyen untersucht. Zuletzt saß sie bei den jordanischen Parlamentswahlen 2016 in der Wahlkommission und registrierte eine wachsende Zahl von Frauen auf den Parteilisten: »Es ist schön, dass die Leute offen dafür sind, weibliche Namen und Gesichter auf Wahlplakaten zu sehen.« 

Im Sommer 2017 erreichten Khader und die jordanische Frauenbewegung zwei weitere Meilensteine. Ende Juli schloss das jordanische Parlament ein gesetzliches Schlupfloch, das es Richtern erlaubte, Straftaten aus »Ehrgründen« mit geringen Strafen zu belegen. Oftmals müssen Männer für einen als solchen deklarierten Ehrenmord weniger als ein Jahr in Haft. Khader gehört seit vielen Jahren zu den vehementesten Kritikern dieser von großen Teilen der jordanischen Gesellschaft akzeptierten Praxis. 

Als Anwältin vertrat sie 1983 ein vergewaltigtes Mädchen. Seitdem kämpft sie gegen Klausel 308.

Nur wenige Tage später hob das Parlament auch eine Klausel des jordanischen Strafgesetzbuchs auf, die es Vergewaltigern ermöglichte, einer Strafe zu entgehen, wenn diese ihr Opfer heirateten. »Die Angehörigen der Opfer haben diese Regelung leider meist akzeptiert, um die Familienehre zu schützen«, sagt Khader, die bereits seit 1983, als sie als Anwältin ein vergewaltigtes Mädchen vertrat, gegen Klausel 308 gekämpft hat. 

Ähnliche Klauseln wurden in den letzten Jahren auch in Marokko und ägypten abgeschafft, Libanon und Bahrain könnten bald folgen. In anderen Ländern besteht sie weiterhin, in Algerien, im Irak, in Kuwait, Libyen, Syrien und Tadschikistan, aber auch in mehrheitlich christlichen Staaten in Lateinamerika und auf den Philippinen. 

In ihrer Rolle als ehemalige Ministerin und prominente Aktivistin hat Asma Khader einen wichtigen Beitrag geleistet, aber sie weiß, dass der Wandel in den Köpfen Zeit braucht. »Es geht darum, die Mentalität zu verändern, dass Männer für ihre Vergehen kaum Konsequenzen fürchten müssen, weil den Frauen die Schuld gegeben wird.«

Von: 
Oliver Müser

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