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»Wie sechs Pilgerfahrten nach Mekka«

»Wie sechs Pilgerfahrten nach Mekka«

Feature

In Pakistan pilgern jedes Jahr sunnitische und schiitische Muslime gemeinsam zu einem Sufi-Schrein nach Belutschistan – und wollen damit auch Zeichen setzen für die tolerante Ausprägung des traditionellen südasiatischen Islams.

»Es ist doch völlig egal, ob ich Schiit oder Sunnit bin«, sagt der langhaarige Fakir Maram. Maram gehört zu ein paar Tausend muslimischen Gläubigen, die jedes Jahr, elf Tage vor Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan, eine Pilgerwanderung in die pakistanische Region Belutschistan unternehmen. Ziel ist der Sufi-Schrein von Schah Noorani. Die Gründe für die »Lahootis«, wie die gläubigen Pilger genannt werden, für diese Wanderung sind so vielfältig, wie der Sufismus an sich.

 

Etwa 70 Prozent der pakistanischen Muslime sind Anhänger dieser asketischen und mystischen Glaubensform. Für sie stehen die Nächstenliebe und die Nähe zu Gott an erster Stelle. Für die Taliban und ihresgleichen sind sie Ungläubige, da sie in ihren den Augen Götzen anbeten. Um Marams Hals baumeln 30 Kilo schwere Eisenketten. Dadurch möchte er ein zusätzliches Opfer während der Pilgerfahrt leisten. »Toleranz ist wichtig, denn vor Gott sind wir alle gleich«, fügt er hinzu und ein Dutzend seiner Anhänger nickt andächtig.

 

Um ihn herum erhellen etwa 30 Lagerfeuer die Dunkelheit. Man hört Getrommel, das dumpfe Dröhnen von geblasenen Schafhörnern und Gesang, der den im Jahr 680 in Kerbela gefallenen Prophetenenkel Hussain preisen soll. Über dem gesamten Pilger-Lager in der Steinwüste der pakistanischen Region Sindh, etwa zwei lange Lauftage von der östlich gelegenen Stadt Sehwan Sharif entfernt – Heimat des Schreins des Sufis Lal Shahbaz Qalandar – schwebt der Geruch von Haschischrauch. Am nächsten Morgen geht die erste Gruppe gegen vier Uhr los. Schon ein paar Stunden später knallt die Sonne erbarmungslos auf die Pilger nieder. Die Temperaturen steigen auf bis zu 50 Grad im Schatten. Einige Verkrüppelte schleppen sich sogar auf allen Vieren voran.

 

Die wenigen Dörfer auf dem Weg, mit ihren Lehm- und Strohhütten, erinnern an das Mittelalter. Die Region Sindh, in der die Großgrundbesitzer noch wie Könige über das Wohlergehen ihrer Untertanen entscheiden, gehört, trotz großer Vorkommen von Bodenschätzen, zu den unterentwickeltsten Regionen Pakistans. Am späten Nachmittag macht sich der Tross wieder auf den Weg. Zahnlose und mit bunten Ketten behängte Fakire und ihre Getreuen schleppen sich den etwa 500 Meter hohen Berg Chungan hinauf.

 

Im Tal dahinter wartet auf sie das Pilgerlager Mai Kinri. Dort arbeitet ein Lagerarzt. Er reicht einem Pilger Tabletten gegen Durchfall. Bei dem Pilger handelt es sich um Fakir Bhuttani, der die Idee zu diesem Lager hatte. »Vor fünf Jahren kam er zu mir und bat mich um Hilfe, um dieses Lager zu errichten. Ich war von diesem Menschen sehr beeindruckt, da er nichts für sich verlangt, sondern nur etwas für andere«, sagt der Mitte 50-jährige Arzt. Unter einer aufgespannten Zeltplane sitzen Pilger und genießen eine der drei täglichen freien warmen Mahlzeiten am Tag. Unter Gelächter drängeln sich etwa 20 Pilger an einer Wasserpumpe.

 

Im Schatten dutzender Bäume versuchen etliche Pilger, mit Hilfe ihrer Haschischpfeifen, Gott ein Stück näher zu kommen. Auch der hiesige Landlord ist zu Besuch, während ein paar seiner Untertanen sowie sein Sohn unentgeltlich als Köche im Lager aushelfen. »Außerhalb der Pilgerzeit ist auch dieser Teil Belutschistan unbetretbar für Fremde. Die Regierung hat hier nichts getan. Keine Schulen, keine Infrastruktur, aber es gibt Minen, in denen wertvolle Edelsteine gewonnen werden«, sagt der Arzt. Ein Pilger hält ihm seinen Zeigefinger, mit einem kleinen Schnitt, entgegen.

 

Der Arzt zeigt dem jungen, zerzausten Mann an, dass er ihm nicht mit so etwas kommen solle. Wieder lächelnd sagt er: »Ich habe etwas Zeit gebraucht, um zu verstehen, warum die Pilger jeden kleinen Kratzer mit einer Bandage umwickelt haben möchten. Sie benutzen die Binden als Filter für ihre Pfeifen.« Am nächsten Tag verläuft die Pilgerroute in der steinigen Einöde an Gräbern bekannter Sufis vorbei, die vor hunderten Jahren aus der arabischen Welt ausgeschickt wurden, um den Islam zu verbreiten. Sie nahmen aber ebenso Elemente aus der hinduistischen Kultur auf, und so entstand in dieser Region Asiens eine spezielle Form des Sufismus. Am Abend werden Lagerfeuer am Ufer eines Flusses angezündet. Der Fluss besteht nur noch aus kleinen Tümpeln mit verdrecktem Wasser, da der Monsun auf sich warten lässt.

 

»Das ist eigentlich unser Pakistan«

 

Die letzten zwei Tage schleppen sich die meisten der Pilger, in ihren Plastiksandalen oder barfuß, nur noch von einer steinigen Ebene, auf einen steinigen Hügel, und wieder über die nächste steinige Ebene. Während manche sechs Tage für die etwa 150 Kilometer brauchen, sind die meisten Pilger bis zu drei Wochen unterwegs. Gründe hierfür sind unter anderem mangelnde Ernährung, Krankheiten oder der erhebliche Konsum von Mitteln, um Gott näher zu kommen. Eine Ausnahme unter den Pilgern sind junge Männer mit höherer Schulbildung. »Unser Islam hat doch nichts mit dem der Saudis gemeinsam.

 

Sie sind eine Minderheit, die nur aufgrund ihres Geldes die Richtung für alle Muslime vorgeben wollen«, sagt einer von ihnen. »Pakistan war sich schon mit dem Iran über den Bau einer Gas-Pipeline einig. Das würde das Ende unserer Energie-Probleme bedeuten. Als es dann plötzlich einen nicht rückzahlbaren Milliardenkredit der Saudis für die Regierung von Premier Nawaz Sharif gab, erklärt diese kurz darauf das Gas-Pipeline-Geschäft für nicht durchführbar.« Um sie herum sitzen zwei Grauhaarige und führen ein emotionsgeladenes Streitgespräch, während sich die Zuhörerschaft das Grinsen nur mit Mühe verkneifen kann.

 

Weder bei den beiden Alten noch woanders im Lager ist irgendeine Form von Aggressivität spürbar. »Schau dich hier um. Das ist eigentlich unser Pakistan. Der Islam, wie wir ihn auslegen, ist nicht für die Bomben verantwortlich.« Am Schrein des Sufis Schah Noraani angekommen, erklärt einer der jungen Männer, dass dieser Pilgerweg nicht mit der Pilgerfahrt nach Mekka vergleichbar sei. »Eine Pilgerfahrt nach Mekka schafft jeder. Was wir gerade gepilgert sind, ist für uns Sufis so wertvoll wie sechs Pilgerfahrten nach Mekka.«

Von: 
Gilbert Kolonko

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