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Stromnetz in Pakistan

Ein Wunder, dass es hier überhaupt Strom gibt

Feature

Stromausfälle gehören in Pakistan zum Alltag. Die Netzprivatisierung in der Metropole Karatschi zeigt Ansätze zur Verbesserung der Versorgung. Die größten Hindernisse sind einflussreiche Strompreller und unkontrolliertes Stadtwachstum.

Ein kurzer, heftiger Monsunschauer ergießt sich über Lahore. Das reicht aus, damit sechs Stromtransformatoren am Straßenrand explodieren, während ich vom Abendsport im Park zum Hotel zurückspaziere. Zum Glück steht das Wasser bis jetzt noch nicht knietief, denn wenn dann auch noch die morschen Stromleitungen vor einem hinunterknallen, hat man schlechte Karten. Im Hotel hat sich am Rhythmus für die Stromzufuhr nichts geändert – nach einer Stunde nimmt der Ventilator seinen Dienst auf und eine Stunde später geht er wieder aus.

 

Wer Pakistan ein wenig kennt, ist nicht erbost über die fehlenden Stunden Strom – er ist überrascht, dass es in diesem Land überhaupt Strom gibt. Ein ehemaliger Sportstar, den ich kenne, arbeitet für die staatliche Stromgesellschaft WAPDA. Jeden Monat überweist man ihm 500 Dollar, ohne dass er je sein Büro betreten hätte. Ein anderer WAPDA-Mitarbeiter lädt mich mit seiner Familie einen Tag später in ein Sterne-Hotel ein. Er ist Ingenieur und der einzige nicht korrupte Staatsdiener in Pakistan, wie er selbst erklärt.

 

Als mal wieder der Strom ausfällt und sich keine fünf Sekunden später die Anlage für den Notstrom anschaltet, erklärt der Sohn des WAPDA-Ingenieurs schmunzelnd: »Die ›spezielle‹ Leitung für den Notstrom hat mein Vater dem Hotel eingebaut.« Dieser räuspert sich kurz und genauso kurz frage ich mich, ob der kostenfreie Besuch in diesem Sterne-Hotel damit in Zusammenhang steht.

 

Doch sind die beiden nicht die Schuldigen am Prinzip Pakistan, sondern eher die Helden, die dafür sorgen, dass hier überhaupt irgendetwas klappt – der eine hat seinem Land sportlichen Ruhm gebracht und kümmert sich jetzt als Trainer um den Nachwuchs, der andere ist ein Fachmann in seinem Bereich und besucht sogar jeden Tag sein Büro, auch wenn sich während seiner Arbeitszeit Dienstliches und Privates öfters überschneiden. In der Regel vergeben die Verantwortlichen Pakistans die Regierungsjobs an ihr politisches Fußvolk oder sie werden an den Meistbietenden verkauft – berufliche Qualifikationen sind nicht erforderlich.

 

»Die neuen Betreiber leisten immer noch weitaus bessere Arbeit als unsere lokalen Politiker«

 

In der 20 Millionen-Megametropole Karatschi hat man einen anderen Weg eingeschlagen und 2009 das Stromnetz privatisiert. Der neue Besitzer Abraaj mit Sitz in Dubai investierte eine Milliarde Dollar in K-Electricity. Anfänglich spürten die Menschen Verbesserungen, dann geriet alles ins Stocken.

 

Dafür verzeichnete K-Electricity, neben ersten Gewinnen, Erfolge im Verkauf von Anteilsscheinen. Ein Bekannter aus Karatschi, dessen erste eigene Klimaanlage im vergangenen Jahr wegen plötzlicher Spannungsschwankungen in Flammen aufging, fasst zusammen: »Investoren investieren, um ihr Geld zu vermehren und nicht um soziale Wohltaten zu vollbringen. Aber die neuen Betreiber leisten immer noch weitaus bessere Arbeit als unsere lokalen Politiker. Unter ihnen hatten wir im Sommer manchmal tagelang keinen Strom.« Immer Sommer dieses Jahres sahen dann die Politiker wieder ihre Chance. Karatschi wurde von einer Hitzewelle erfasst, die mehr als 1.000 Menschen das Leben kostete.

 

Die Politiker machten die Betreiber von K-Electricity dafür verantwortlich und verlangten, dass man das Stromnetz wieder in ihre Hände lege. Doch so vergesslich wie einst ist man in Pakistan nicht mehr: »Ohne Frage müssen die Privat-Investoren von K-Electricity mehr tun, um das Netz zu erneuern, aber der Hauptgrund für die Stromausfälle ist das Erbe der alten Betreiber, Stromdiebe und das unkontrollierte Wachstum der Stadt«, sagt ein mittelständischer Unternehmer.

 

Die problematischen »Stromdiebe« sind nicht die Slumbewohner

 

Das mit den Stromdieben in Karatschi ist jedoch verzwickt. Denn bei den »Dieben« handelt es sich nicht um einzelne Slumbewohner, die mal ein wenig Strom abzwacken. Es geht vor allem um jene, die es sich eigentlich leisten können: Geschäftsleute und einflussreiche Menschen, die glauben, politische Kontakte und Einfluss schützen vor Strafe.

 

Ein Finanzberater, der sich nebenberuflich um Bildungsprojekte bemüht, zieht das vorläufige Fazit: »Die Privatisierung ist in Pakistan momentan leider der einzige Weg, langfristig auch Verbesserungen für die Masse der Bürger zu schaffen. K-Electricity wird wohl weiter die Wohnviertel bevorzugt mit Strom beliefern, in denen die Menschen den Strom bezahlen und langsam dieses Prinzip auf andere Gegenden ausdehnen.

 

Vom Staat ist nichts zu erwarten, denn den Politikern geht es einzig um ihren Einfluss – ganz egal, ob dabei die morsche Infrastruktur des Landes nach einander zusammen klappt – jemanden, den sie Tadeln können, haben sie schon immer gefunden.« »Und die materiell armen Menschen Karatschis?«, frage ich nach. »Für sie gilt in Sachen Strom das Gleiche wie in Sachen Bildung: Solange sie nicht das Glück haben, dass ihre Gegend Teil eines sozialen Projektes wird, werden sie bis auf Weiteres vom Wohlwollen ihrer lokalen Politiker abhängig sein.«

Von: 
Gilbert Kolonko

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