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Revolution und Krieg im Jemen
Revolution und Krieg im Jemen

Wir sangen von Freiheit und Widerstand. Wir waren Revolutionäre. Mit Musik und Kunst wollten wir den Jemen be- freien. Unsere Bühne war der »Platz des Wandels«, wie wir den Bereich vor der Universität von Sana’a kurzerhand tauften. Zwischen all den Zelten, politischen Debatten und kreativen Workshops spielten wir kostenlose Reggae-Konzerte. Von hier aus zogen wir los, um zu protestieren – zum Präsidentenpalast, zum Justizministerium und wieder zurück. Es war eine aufregende Zeit. Der Weg war weit, was danach folgte, schmerzhaft.

 

Aber vielleicht erzähle ich von Anfang an: Im Jahr 1994, als ich neun Jahre alt war, mündete der Nord-Süd-Konflikt im Jemen in einen Bürgerkrieg – Tausende verloren ihr Leben. Danach versprach die Regierung mal wieder Frieden und Wohlstand. Aber die Realität sah anders aus: Korruption, Selbstbereicherung und Wahlmanipulation gehörten ebenso zur politischen Normalität wie die Unterdrückung, Inhaftierung und Folter von Aktivisten, Journalisten und politischen Gegnern.

 

Und Gewalt war kein Monopol der Regierung: In Moscheen wurden gewaltverherrlichende islamistische Ideologien gepredigt, die Erziehung in Schulen und Familien legte Wert auf militärischen Drill. Wer sich Veränderung wünschte, hatte es schwer – politisch und privat. 2008 wollte ich Gitarre spielen lernen. Meine Eltern, bei denen ich damals lebte, wollten nichts davon wissen – noch nicht einmal den Wunsch durfte ich aussprechen.

 

Also kaufte ich mir heimlich eine Gitarre und versteckte sie im Kleiderschrank. Natürlich fanden sie das heraus. Es dauerte nicht lange. Vor meinen Augen schlugen sie das Instrument in Stücke. Aber 2011, als wir sahen, was in Tunesien und Ägypten passierte, war der Wandel plötzlich greifbar. Zu Tausenden gingen wir auf die Straße, um für Frieden und unsere Rechte zu demonstrieren. Auf dem »Platz des Wandels« lernte ich unzählige Menschen kennen: Musiker, Aktivisten, Menschenrechtler. Mit einigen von ihnen gründete ich die Künstlergruppe 3 Meters Away.

 

Die anfängliche Revolutionsromantik traf aber schnell auf die harte Realität der Repression.

 

Unser Kollektiv bestand aus Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten: Fotografen waren dabei, Musiker, Schriftsteller, aber auch ein Zahnarzt. Uns alle vereinte der Wunsch nach Veränderung. Viele meiner ausländischen Freunde verließen damals aus Sicherheitsgründen das Land. Einer von ihnen bat mich, auf sein Haus aufzupassen, bis sich die Situation wieder beruhigt.

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Organisierte Kriminalität in der Türkei
Organisierte Kriminalität in der Türkei

Die letzten 16 Jahre verbrachte der Mafiaboss Alaattin Çakıcı in unterschiedlichen türkischen Hochsicherheitsgefängnissen. Dort errichtete er stets seine eigene Parallelherrschaft – immer wieder ließ er Wächter verprügeln; angezeigt wurde er deshalb nie. Stattdessen genoss er eine ausgedehnte Besuchszeit von elf Stunden pro Tag.

 

Doch Mitte April 2020 wurde Çakıcı aus dem Sincan-Gefängnis in Ankara entlassen – im Zuge der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie befreite die Türkei Zehntausende aus ihren überfüllten Gefängnissen. Während Journalisten, Oppositionspolitiker, Intellektuelle oder Künstler explizit nicht in den Genuss dieser Amnestie kamen, entließ die türkische Justiz damit nicht nur einen mehrfach verurteilten Schwerkriminellen, sondern auch eine der wichtigsten Figuren der türkischen Unterwelt.

 

Die im Volksmund mafya genannten kriminellen Netzwerke sind aus der türkischen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nicht wegzudenken. Die Geschichte der organisierten Kriminalität in der Türkei reicht bis ins Osmanische Reich zurück. Die kabadayı (»Rüpel, Schurken«) waren stadtbekannte Verbrecher, oftmals Klein- oder Gelegenheitskriminelle, hielten sich an einen gewissen Ehrenkodex und waren fester Bestandteil der Gesellschaft.

 

Sie spielten eine bedeutende Rolle bei der Organisation von Mobs und wurden von politischen Eliten immer wieder instrumentalisiert – beispielsweise im Zuge der Unruhen gegen die Griechen im Jahr 1955.

 

Im Rahmen solcher krimineller Netzwerke florierte der Drogenhandel. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde in der Türkei vor allem Opium produziert – in ländlichen Regionen noch bis in die 1970er Jahre. Ein von den USA verlangtes Anbauverbot in den kurdischen Provinzen trug allerdings maßgeblich zur Verarmung und Verbitterung der Opiumbauern bei und erleichterte die Aktivitäten linksradikaler bewaffneter Gruppen in der Region.

 

Organisierte Kriminalität in der Türkei
Behçet »Beco« Cantürk: Baumäzen mit linker Schlagseite

 

Seit dem Zweiten Weltkrieg sind für den Großraum Istanbul allerdings auch die Produktion und der Schmuggel von Heroin nachgewiesen. Türkisches Heroin fand über armenische und griechische Verbindungen zur korsischen Mafia seinen Weg über Marseille in die USA (die »French Connection«, die auch Pate für den gleichnamigen Hollywood-Thriller von 1971 stand).

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Die EU und der Arabische Frühling
Europa und der Arabische Frühling

Algier 1988: Gemeinsam mit einem jungen Journalistenkollegen bin ich auf dem Rückweg vom Fußballstadion. In Kürze sollen die ersten freien Parlamentswahlen des Landes stattfinden. »Wir haben die Wahl zwischen Pest und Cholera«, kommentiert mein Begleiter. Mit den Krankheiten meint er – in beliebiger Zuordnung – die oppositionellen Islamisten und die mit dem Militär regierende nationalistische Einheitspartei FLN. Die demokratischen und säkularen Parteien in der Mitte seien desorganisiert und hätten bereits im ersten Wahlgang keine wirkliche Chance.

 

Wir waren gerade von der Wahlkampfveranstaltung einer islamistischen Partei zurückgekehrt, die den Muslimbrüdern nahestand – Zehntausende hatten sich in dem Stadion versammelt. Sie wollten die Wahlen nutzen, um an die Macht zu kommen. Demokratie verurteilten sie jedoch – auf Pamphleten stand, sie sei das »Gift der Orientalisten«. Der Wahl war eine Protestwelle der verzweifelten Jugend vorausgegangen, die staatliche Einrichtungen sowie Polizeiwachen zerstört und in Brand gesetzt hatte. Die Gründe: Arbeitslosigkeit, Mangel an Wohnraum, Perspektivlosigkeit, Korruption.

 

Die seit der Unabhängigkeit regierende FLN und die Militärs bekamen die Revolte nicht unter Kontrolle. Sie mussten Zugeständnisse machen: Daher die Wahlen und dieser kurze Moment der Meinungsfreiheit, in dem mein Kollege schreiben und kritisieren konnte, wen er wollte. Mit seiner Einschätzung der Lage hatte er jedoch unrecht – es kam schlimmer: Pest und Cholera fielen zusammen.

 

Als sich am Wahlabend ein haushoher Sieg der Islamisten abzeichnete, setzten die Militärs den Wahlprozess aus. Sie übernahmen mit Strohmännern die Macht, die Wahlergebnisse wurden nie bekannt gegeben. Es folgte eine Gewaltspirale, die in einem Bürgerkrieg kulminierte. Extremistische Islamisten ermordeten alle, die sie als Feinde betrachteten – Militärs und Polizisten, aber auch Vertreter der demokratischen Mitte: Uniprofessoren, Künstler und Journalisten.

 

In den Bürgerkriegen in Libyen und im Jemen bekämpfen sich vor allem bestehende Eliten gegenseitig.

 

Die Militärs ihrerseits antworteten mit schonungsloser Repression. Geschichte wiederholt sich nicht, kann aber eine Mahnung sein. Damals forderten die jungen Algerier bereits, was ab 2010 unter dem Slogan »Brot, Freiheit und Gerechtigkeit« und dem Ruf nach Würde in vielen arabischen Ländern widerhallte. Dabei fallen mindestens drei Parallelen auf, die uns nachdenklich stimmen sollten.

 

Erstens, in den meisten Ländern gelang den regierenden Eliten und Herrscherhäusern der Machterhalt. So etwa in Marokko, Ägypten, Jordanien, dem Libanon, Syrien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Oman, Saudi-Arabien – ohne wirkliche Reformen und viel zu oft ohne Rücksicht auf Menschenleben. Die Despoten Ägyptens, Bahrains und vor allem Syriens scheuten nicht vor der »algerischen Lösung« zurück: massive Repression und Bürgerkrieg.

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Medienlandschaft in Algerien
Medienlandschaft in Algerien

Am 10. August 2020 verurteilte ein Gericht in Sidi M’Hamed in der Hauptstadt Algier den Journalisten Khaled Drarni zu drei Jahren Haft – dem 40-Jährigen Leiter der Website Casbah Tribune wurden »Anstiftung zu einer unbewaffneten Versammlung« und »Angriff auf die nationale Einheit« vorgeworfen. Es war die höchste Strafe, die jemals gegen einen Journalisten in Algerien ausgesprochen wurde – auch wenn die Haftzeit in der Berufung im September auf zwei Jahre gemindert wurde.

 

Das Urteil löste Aufruhr und Bestürzung aus. Drarni hatte gerade über eine Demonstration gegen die Regierung berichtet, als er im März 2020 festgenommen wurde. Eigentlich rechtfertigte nichts seine Verurteilung. Warum also wurde er so hart bestraft?

 

Drarni hat mehr als 100.000 Follower auf Twitter und gibt viel auf seine Unabhängigkeit. Dissidenten wie ihn juristisch zu verfolgen, steht sinnbildlich für die Strategie des Regimes, die Berichterstattung über die zweiwöchentlichen Großdemonstrationen einzuhegen.

 

Seit April sind die Proteste wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt. Die meisten algerischen Medien ignorierten sie aber schon viel länger – weit bevor Abdelmadjid Tebboune aus den umstrittenen Wahlen vom 12. Dezembers 2019 als neuer Präsident hervorging.

 

Mit Hilfe staatlicher Subventionen (und ihrem möglichen Entzug) nahm der Staat die Medien an die kurze Leine. Den Aufstand im Februar 2019, der das Ende der Herrschaft von Langzeitpräsident Abdelaziz Bouteflika einläutete, sahen sie daher nicht kommen. Sie waren zu beschäftigt, die offiziellen Sprachregelungen wiederzugeben – fast einstimmig feierten sie den einschläfernden Diskurs, mit dem die staatlichen Stellen Bouteflikas fünfte Amtszeit vorbereiteten.

 

Der Niedergang der algerischen Presse hat handfeste Gründe: Sinkende Werbeeinnahmen und die gezielte Steuerung staatlicher Subventionen.

 

Der Niedergang der algerischen Presse hat handfeste Gründe: Sinkende Werbeeinnahmen und die gezielte Steuerung staatlicher Subventionen ließen die klassischen Medien seit gut einem Jahrzehnt verarmen. Einige Zeitungen mit Meinungsmacht wie Le Soir d’Algérie, El Watan, Liberté oder auch El Khabar verpassten daher den digitalen Turn.

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Schiitischer Scheich Subhi Al-Tufayli im Libanon
Der schiitische Scheich Subhi Al-Tufayli im Libanon

Zweiundsiebzig Jahre sind in der Bekaa-Ebene mit ihren Olivenbäumen und fruchtbaren Gemüsegärten kein besonders hohes Alter. Gleichwohl muss es als nicht selbstverständlich gelten, dass Scheich Subhi Al-Tufayli noch lebt. Der schiitische Gelehrte, der dort sein Hauptquartier betreibt, hat sich nämlich schon mit vielen Mächtigen im Nahen Osten angelegt.

 

Erst im August 2020 wandte er sich auf Youtube direkt an den Generalsekretär der schiitischen Hizbullah, Hassan Nasrallah. Dieser sei ein Pate des korrupten Systems geworden und lasse dem libanesischen Volk nur die Wahl »zwischen Hunger oder Bürgerkrieg«. Tufayli sagte dies im Nachklang der verheerenden Explosion im Beiruter Hafen, aber auch anlässlich des Aschura-Feiertags, der von Schiiten in aller Welt im Gedenken an ihren gemordeten Imam Hussein und die Opfer von Tyrannei insgesamt begangen wird.

 

Tufayli ist einer der wenigen schiitischen Gelehrten, deren Videos auch regelmäßig von Medien aus dem wahhabitischen Saudi-Arabien verbreitet und retweetet werden: Er beschimpft dann entweder die Hizbullah oder das Regime Irans, das sich nach seinem Dafürhalten die arabische Welt untertan machen will, die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten ausnutzt, Terror fördert und die »unrechtmäßige« Herrschaft des Klerus exportiert.

 

Als 1982 israelische Panzer in den Libanon einrückten, reiste Tufayli angeblich gerade über Damaskus zu einer Konferenz der iranischen Revolutionsgarde in Teheran.

 

Die »Partei Gottes« mag nun für verdeckte Sprengstoffeinsätze bekannt sein, allerdings nicht für ihre Toleranz gegenüber Kritikern und Dissidenten. Hält die Hizbullah-Führung Tufayli nur für einen ungefährlichen Schwätzer? Ein stures Landei im Ornat? Vermutlich möchte die Hizbullah in Baalbek keinen Ärger, denn dort ist ihre Macht lange nicht so groß wie in Teilen Beiruts oder des Südlibanon.

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Von der Revolution in den Dschihad
Von der Revolution in den Dschihad

Mohammed el-Fahem, 29 Jahre alt, deutsch-tunesischer Doppelstaatler, ist Sohn tunesischer Eltern, die in den 1980er Jahren Nabeul, eine kleine Küstenstadt etwa 60 Kilometer südwestlich von Tunis, verließen. Auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen bauten sie sich in Deutschland eine neue Existenz auf.

 

Irgendwann beschloss die Familie, nach Tunesien zurückzukehren – sie fürchtete, ihr Sohn Mohammed könne zwischen Vergnügungsparks und all den Wonnen des Lebens in Deutschland »verloren gehen«. Doch nach der Rückkehr nach Tunesien verlor sich Mohammed stattdessen im Tunnel extremistischer Organisationen zwischen Tunis und Raqqa.

 

Ende 2016 traf ich Mohammed in Istanbul und führte unzählige Gespräche mit ihm in den Cafés der Stadt. Ich wollte verstehen, wie sich ein verwöhntes Einzelkind aus recht bequemen finanziellen Verhältnissen in ein wildes Monster verwandelt und nach Raqqa reist, um sich einer der blutrünstigsten Organisationen unserer Zeit anzuschließen. Und Mohammed erzählte mir seine Geschichte.

 

Mohammed erinnert sich, wie er gegenüber der Gastarbeiterwohnungen in seinem Viertel spielte, an die Straßenbahn und an Schneeballschlachten im deutschen Winter.

 

Die ersten fünf Jahre seiner Kindheit verbrachte er in Dortmund. Mohammed erinnert sich, wie er gegenüber der Gastarbeiterwohnungen in seinem Viertel spielte, an die Straßenbahn und an Schneeballschlachten im deutschen Winter. All dies wurde zur unschuldigen Vergangenheit, die längst Geschichte ist.

 

Mohammeds Eltern wollten nicht, dass ihr Sohn in Europa seine islamische Identität verliert, und brachten ihn deshalb zurück nach Tunesien. Seine Erziehung sollten dort die Großeltern auf dem Land übernehmen. Als Kind entdeckte Mohammed dort eine ungerechtere und weniger wohlhabende Welt, in der Kinder und Jugendliche kaum Gehör finden. Eine Welt, in der Arbeitslosigkeit, Armut und politische Unterdrückung an der Tagesordnung waren. Er, der deutsche Auswanderer, stellte fest, dass der Traum vieler tunesischer Jugendlicher ein Leben in Europa war – in seiner alten Heimat.

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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Trump und die Entrückung
Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Entrückung, Islam, Judentum und Trump

Es rückt der erste Dienstag im November näher. Man prophezeit uns, dass es danach rund gehen wird in Washington. Wenn Donald J. Trump wider Erwarten die Wahl für sich entscheiden sollte. Erst recht aber, wenn er sie verliert, die Niederlage nicht anerkennt und sich weigert, das Weiße Haus zu räumen.

 

Trump müsste selbst am besten wissen, was ihm in beiden Fällen droht. Er könnte der erste US-amerikanische Ex-Präsident werden, der seinen Lebensabend entweder im Gefängnis oder aber in einer Nervenheilanstalt verbringt. Um dem zuvorzukommen, böte sich ein goldener Ausweg aus der Klemme: Er muss nur verschwinden. Genauer gesagt: sich entrücken lassen.

 

Die Vorteile liegen auf der Hand: Wer sich nämlich auf mysteriöse entrücken lässt oder verschwindet, muss keine ladungsfähige Anschrift hinterlassen. Also kann er keine Steuerschulden mehr begleichen. Besser noch: Wer offiziell nicht mehr auf Erden wandelt, in andere Sphären oder parallele Universen umgezogen ist, den kann man strafrechtlich nicht mehr belangen.

 

Habeas Corpus ad subjiciendum – um eine Person anzuklagen, muss man ihres Leibes habhaft werden. Für einfache Menschen würde es schwierig, sich dem zu entziehen. Aber für Lichtgestalten, Kunstfiguren und Erlösertypen, von denen Trump jeweils gewisse Eigenschaften hat, bieten sich andere Optionen. Die Geschichte des Nahen Ostens hat einige Vorbilder im Angebot, von denen man sich inspirieren lassen könnte.

 

Vor einigen Wochen schrieb ich über den Fatimiden Al-Hakim bi-amr Allah (985-1020 oder 1021), den Exzentriker unter den Kalifen. Hakims historisches Bild wurde maßgeblich von seinen Kritikern gezeichnet, die an Hakims Person und Politik kein gutes Haar gelassen haben. Ähnlich wird es Trump wohl gehen.

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Armenien, Aserbaidschan und Bergkarabach
Armenien, Aserbaidschan und Bergkarabach

1. »Es geht in dem aktuellen Konflikt allein um das Territorium der Autonomen Republik Bergkarabach«

 

Der Bergkarabach-Konflikt entzündete sich zum Ende der Sowjetzeit am Status der mehrheitlich von Armeniern besiedelten Autonomen Republik Bergkarabach innerhalb des damaligen Sowjet-Aserbaidschans, nachdem die Armenier Karabachs erst den Anschluss an Sowjet-Armenien und nach einem siegreichen Krieg bis 1994 schließlich die international bis heute nicht anerkannte Unabhängigkeit der Republik Artsakh ausriefen.

 

Im ersten Karabach-Krieg besetzten die armenischen Kräfte jedoch auch sieben angrenzende Bezirke (Rayon) Aserbaidschans, die gar nicht zu Bergkarabach gehörten und mehrheitlich von Aserbaidschanern bewohnt waren. Auch die westaserbaidschanische Großstadt Ağdam wurde zur Geisterstadt. Von aserbaidschanischer Seite wird seitdem immer wieder die Besetzung von 20 Prozent des Landes durch Armenien beklagt, auch wenn genau genommen nur 13,63 Prozent der Landesfläche nicht unter der Kontrolle der Regierung in Baku stehen (Stand vor der aktuellen Auseinandersetzung).

 

Abgesehen von der Bombardierung der Städte Schuscha und Stepanakert haben sich die aserbaidschanischen Bodentruppen im neuerlichen Krieg bisher vor allem auf diese sieben Bezirke fokussiert, insbesondere auf die Gebiete Füzuli, Zengilan und Cebrayıl, die unweit der iranischen Grenze liegen. Die sieben Bezirke sind heute nur dünn besiedelt, waren aber vor 1994 die Heimat hunderttausender Aserbaidschaner.

 

Nicht wenige Beobachter hofften nun, dass es der aserbaidschanischen Regierung vor allem um die Rückeroberung der sieben Bezirke gehe würde. Ein Sonderfall ist der Distrikt Laçın, der Armenien mit Karabach verbindet. Auch hier rücken aserbaidschanischen Truppen langsam vor.

 

Zuletzt mehrten sich jedoch die Berichte, dass die aserbaidschanische Armee auf das eigentliche Territorium der Autonomen Republik Bergkarabach vorgedrungen sei, insbesondere die Ortschaft Hadrut wurde Ziel von Kampfhandlungen. In den zurückeroberten Gebieten Bergkarabachs droht nun die permanente Vertreibung der armenischen Bevölkerung.

 

Für das Verständnis und mögliche Lösungsansätze des Konfliktes ist es wichtig, zwischen Bergkarabach und den umliegenden, von armenischen Kräften besetzten aserbaidschanischen Bezirken zu unterscheiden. In der jüngsten Fassung der sogenannten Basic Principles, des Friedensfahrplans der OSZE, wurde 2009 beispielsweise eine Rückgabe der besetzten Gebiete, ein Korridor zwischen Armenien und Karabach, sowie eine Interimsstatus und Selbstbestimmung für Karabach in den Raum gestellt. Eine Einigung scheiterte an den Details zum Abzug armenischer Kräfte.

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Qal’eh Karshahi, die Burg der Räuber in Iran
Die Festung Qal’eh Karshahi

Vor nicht allzu langer Zeit streifte ich mit einem iranischen Freund entlang der großen Salzwüste Dascht-e Kavir, südöstlich von Kaschan in der Provinz Isfahan. An einer alten Karawanenstraße zwischen Sanddünen und Gebirge erhob sich vor uns die Ruine einer weitläufigen Lehmziegelburg. Völlig verlassen und verfallen, aber immer noch gewaltig, lud sie zur Erkundung ein.

 

»Burg der Räuber«, war die einzige sachdienliche Auskunft, die wir unserem ortskundigen Fahrer entlocken konnten. Erst später stellte sich heraus: Wir waren zufällig an der Festung Qal’eh Karshahi vorbeigekommen. Zurück in Teheran wunderte ich mich, dass selbst die kulturhistorisch Interessierten unter meinen iranischen Bekannten noch nie von ihr gehört hatten. Dabei erzählt sie eine erstaunliche und überaus politische Geschichte: die des größten, wenngleich leider fast vergessenen Wegelagerers des Landes.

 

»Muss das denn sein?«, wird mancher in Teheran an diesem Tag gedacht haben – womöglich auch Nayeb Hossein-e Kashi selbst. Mit 97 Jahren wurde er im September 1919 auf dem Richtplatz (Meydan-e Edam) der Hauptstadt gehängt. Wo der Nayeb einen Großteil seiner Schätze vergraben hatte, sollte die Staatsmacht nie erfahren. Selbst Folter hatte den zähen Sturkopf nicht zum Reden gebracht.

 

Hossein und sein Bruder Mohammad Hashem waren die Nachfahren eines Loren aus dem Stamm der Biranvand, der sich in Kaschan niedergelassen hatte. Beide übten den Beruf des Färbers aus; ihre Freizeit verbrachten sie mit Kraftsport und gelegentlichen Schlägereien. Eines Tages im Jahr 1871 wurde Hashem im Basar wohl Zeuge, wie zwei Diener des mächtigen Prinzen Masoud Mirza – damals Gouverneurs von Isfahan – einen Jungen sexuell belästigten. Hashem sah sich veranlasst, mindestens einem dieser Männer, vielleicht auch beiden, die Fresse zu polieren (Im Persischen hätte er es wohl poetischer ausgedrückt, etwa »den Vater aus ihm heraus geprügelt«, aber das Resultat war nun wirklich identisch).

 

Von einem Angriff auf die Staatsmacht war sofort die Rede; Hashem wurde noch in der Nacht verhaftet, verurteilt und erhängt. Mit diesem Justizskandal begannen die Abenteuer seines Bruders Hossein, der das Kadscharenreich erschüttern würde und Kunde von dessen Taten London, Moskau und Berlin erreichen sollte. Die Mutter des Schahs, selbst eine Person von athletischer Gestalt, wurde erotisch durch den Fall berührt. Fachleute für die Demobilisierung von Milizen mussten aus Schweden eingeflogen werden. Hätte es den UN-Sicherheitsrat seinerzeit gegeben, Hosseins Akte wäre dort verhandelt worden. Was nun also nach Hashems Hinrichtung geschah, ist daher nichts für schwache Nerven. Weshalb Empfindsame jetzt nicht weiterlesen sollten.

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Der türkische Präsident Erdogan und seine imperialen Vorbilder
Hamidiye-Kämpfer im Dorf Gumgum

Der Name Sophainetos von Stymphalos könnte sicher aus einem verschollenen Frühwerk Monty Pythons stammen. Tatsächlich aber war dieser Mann einer der prominentesten Söldnerführer der Antike. Er diente dem Perserprinzen Kyros (der Jüngere) bei einem Putschversuch. Der allerdings scheiterte. Sophainetos kämpfte, kassierte, verhandelte und überlebte. Und da die hellenischen Chronisten über ihn kein abschätziges Urteil fällten, war es offenbar nicht sehr verwerflich um das Jahr 400 v.Chr., seine Kriegskunst in den Dienst einer orientalischen Macht zu stellen.

 

Wer Söldner wird oder Söldner in den Kampf vorschickt, gilt heute doch eher als dubios. Auch das arabische Wort für Söldner – murtazaqa – klingt eher abschätzig: Man denkt da an Vaterlandslose ohne Gewissen und Moral. Die Genfer Konvention sieht das im Grunde ähnlich. Sie betrachtet Söldner, sofern sie für Lohn kämpfen, nicht der kriegführenden Nationen angehören und nicht als integraler Bestandteil regulärer Streitkräfte auftreten, als nichtlegitime Kombattanten. Im prä-robotischen Zeitalter gilt der Krieg eben immer noch als nationale Kraftanstrengung, für den es einer staatsbürgerlichen Legitimation bedarf.

 

Werden Söldner faul, verletzt oder versprengt, beginnen sie zu marodieren. Die Marodeure von einst waren fußlahme, marschunfähige Landsknechte, die arme Bauern drangsalierten. Ich vermute im Übrigen, dass sich »marode« vom arabischen »marid« ableitet, was »krank« bedeutet.

 

»Ihr tut wohl, dass ihr weitergeht, Verderbt uns doch nur die Sozietät.« So heißt es im 11. Auftritt von »Wallensteins Lager«, worin uns Friedrich Schiller die kaiserlichen Mordbuben des Dreißigjährigen Krieges präsentiert. Diversity wurde dabei groß geschrieben, denn sie kamen buchstäblich aus aller Herren Länder. Wer weiß, wie viele von uns Nachfahren von Söldnern sind? Hessen, Tiroler, Württemberger, Luxemburger oder die Schweizer, jenes wundersam friedliche Volk, das noch vor wenigen Jahrhunderten hauptberuflich wütete und brandschatzte – und zwar mit einem Elan, den es bis heute noch nicht wiedererlangt zu haben scheint.

 

Der Einsatz ortsfremder Freiwilliger und Söldner ist in der Geschichte des Krieges die Regel

 

Aber nun zum eigentlichen Thema: Laut übereinstimmenden Berichten setzt die Türkei syrische Söldner auf Seiten Aserbaidschans im Kampf um die von Armenien besetzte Enklave Bergkarabach ein. Bereits in Nordsyrien und in Libyen schickte Erdoğan solche hauptsächlich unter arabischen und turkmenischen Volksgruppen rekrutierten Freischärler in die Schlacht. Diese Nachricht vom Kaukasus sorgte für Empörung und wurde von pro-türkischen Quellen mit dem Argument gekontert, dass auch die Armenier freiwillige Söldner rekrutierten. Unter anderem im Libanon und, Gerüchten zufolge, im Irak.

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Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Sitte und Moral im Islam
Kolumne von zenith-Chefredakteur Daniel Gerlach: Sitte und Moral im Islam

Ich hätte nicht in der Haut des Eunuchen Ghabn stecken wollen. Schon grundsätzlich nicht. Aber was ihm sein Herrscher um das Jahr 1004 in Kairo aufbrummte, war wirklich eine Zumutung: Als Chef der Ordnungsämter im fatimidischen Imperium sollte Ghabn das Verbot von Mulukhiya durchsetzen. Ein Ding der Unmöglichkeit, zumindest in Ägypten.

 

Die Mulukhiya ist eine Art Spinateintopf, gekocht aus Malvenpflanzenblättern, und bis heute ein ägyptisches Nationalgericht. Es ist reich an Calcium und Folsäure, weshalb manche behaupten, es wirke besser als Viagra. Geschmacklich ist die Mulukhiya nicht jedermanns Fall. Mein Freund und Kollege Christian H. Meier etwa, der in Kairo studiert hat und dem man nicht absprechen kann, dass er seriös und unvoreingenommen recherchiert, versteht bis heute nicht, was an Mulukhiya so besonders ist. Anders als Meier war der Kalif Mu’awiya angeblich ein Fan dieser schleimig-grünen Suppe. Ob mit Fleischeinlage oder ohne. Und genau das war das Problem.

 

Mu’awiya war gewissermaßen der Begründer der Umayyaden-Dynastie, welche den Nachfolgestreit um das Erbe des Propheten Muhammad für sich entschieden hatte und im 7. und 8. Jahrhundert die islamisch-arabische Welt beherrschte. Ein Unglück für die Schiiten, die Parteigänger der im Zuge dieses Streits von der Macht verdrängten direkten Nachfahren des Propheten (Ahl al-Bait). In den Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen spielte Mu’awiya aus Gründen, die wir heute nicht erläutern können, eine zwielichtige Rolle – zumindest, wenn man die Schiiten fragt.

 

Aber im Jahr 1000 hatten sich die Verhältnisse geändert. Nun herrschten über weite Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas nicht mehr die Umayyaden, sondern die Dynastie der Fatimiden, die wiederum einer Strömung des Schiismus angehörte und sich auf die Prophetentochter Fatima berief. (Daher der Name Fatimiden, wie Sie sicher schon selbst vermutet haben.)

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Kurz Erklärt: Versorgungskrise im Libanon
Kurz Erklärt: Versorgungskrise im Libanon

Was ist geschehen?

Bei der Explosion am 4. August im Hafen von Beirut wurden nicht nur Hunderte Menschen verletzt, auch 85 Prozent des dort gelagerten Getreides wurden von einer Sekunde auf die nächste kontaminiert. Nun droht dem Mittelmeerstaat eine Hungerkatastrophe, importiert das Land doch so gut wie alle benötigten Lebensmittel aus dem Ausland. Und so kommt zum Kampf um den Wiederaufbau zerstörter Wohnung, eine stabile Währung, gegen das Corona-Virus und für das Vertrauen der Bürger ein weiterer hinzu: Der Kampf gegen den Hunger.

 

Bereits im April 2020 hatte die libanesische Regierung einen Notfallplan vorgestellt, um der bereits damals prekären Versorgungssituation zu begegnen. Angesichts der Inflation und Corona-bedingter Einschränkungen zweifelten Beobachter schon im Frühjahr, dass das chronisch unterfinanzierte Landwirtschaftsministerium die Lage in den Griff bekommen würde – nur 0,35 Prozent des Haushalts war der Behörde zugesprochen worden.

 

Wie groß das Problem ist, verdeutlichen Zahlen der Weltbank. Der zufolge lebte bereits im März nahezu die Hälfte der Bevölkerung in Armut. Viele Monate vor der Explosion im Hafen der Hauptstadt benötigten zwei Drittel der Bevölkerung staatliche Hilfe, jeder Dritte Libanese hatte seinen Job verloren. Nicht zum ersten Mal mussten viele Libanesen erleben, dass Lebensmittel für sie unerschwinglich werden. 2008 waren die Preise für Nahrung schon einmal stark gestiegen, damals um 18,2 Prozent.

 

Doch angesichts der jetzigen Situation verblassen die damaligen Zahlen. Laut Schätzungen des UN-Welternährungsprogramms (WFP) stiegen die Lebensmittelpreise zwischen Oktober 2019 und Juni 2020 um 109 Prozent. Nach der Zerstörung des Hafens und der dort gelagerten Nahrungsmittel wächst der Druck auf die Regierung, irgendwie die Nahrungssicherheit des Landes zu gewährleisten.

 

Ein Problem: Laut Weltbank trugt die Landwirtschaft noch 2018 gerade einmal drei Prozent zur nationalen Wertschöpfung bei. Anders ausgedrückt: Das Land produziert bei weitem nicht genug Nahrung für seine Bürger und muss im Ausland einkaufen. Schuld daran sind mangelnde Investitionen, der vergangene und aktuelle Krieg und zunehmend auch der Klimawandel.

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