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Gefahren der Forschung in Ägypten
Die Gefahren der Forschung

Am Rande der Wüstenstraße zwischen Kairo und Alexandria wird Anfang Februar 2016 eine Leiche gefunden. Es ist die des 28-jährigen Italieners Giulio Regeni, Doktorand an der Universität Cambridge. Seine Mutter Paola Deffendi wird später sagen, sie habe ihren Sohn nur anhand seiner Nasenspitze identifizieren können.

 

Dass Regeni mehrere Tage Folter über sich ergehen lassen musste, nachdem er am 25. Januar 2016 – dem 5. Jahrestag der Revolution – auf seinem Weg nach Downtown Kairo verschwand, bestätigt ein gerichtsmedizinisches Gutachten. Sein gewaltsamer Tod überschritt auch eine unausgesprochene rote Linie, die Inhaber westlicher Reisepässen bis dato scheinbar geschützt hatte – und trifft damit einen wunden Punkt in den Nahostwissenschaften: die überfällige Debatte über Sicherheit und Verantwortung im Feld.

 

»Er war repräsentativ für alle, die zu der Zeit in Kairo geforscht haben«, sagt Jannis Grimm über Giulio Regeni, den er flüchtig kannte. Grimm promoviert an der »Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies« (BGSMCS) der Freien Universität und arbeitet zu Ägypten. Weder sein Auftreten noch seine Forschung über die informelle Gewerkschaftsbewegung in Kairo hätten Regeni laut Grimm zu einem offensichtlichen Ziel gemacht.

 

Zwei von Grimms Kommilitonen, Ilyas Saliba und Kevin Köhler, waren zum Zeitpunkt von Regenis Verschwinden ebenfalls in Kairo. In der Folge versuchten die drei, ebenso wie viele andere Ägypten-Forscher vor Ort, Festplatten zu verschlüsseln und sensible Daten zu sichern, und beobachteten angespannt die Reaktionen an den heimischen Instituten. Doch dort reagierte man, wie es in der akademischen Welt üblich ist: gemächlich.

 

Zwar bietet das Methodentraining Starthilfe bei der anonymisierten Interviewführung oder ethischen Belangen, Fragen des Daten- oder Selbstschutzes kommen aber oft nicht zur Sprache

 

 

Tatsächlich gehören Sicherheitstrainings nicht zum Standardrepertoire der Sozialwissenschaften. Auch nicht in philologischen Studiengängen, die im Bereich der Nahostwissenschaften angesiedelt sind. Zwar bietet das Methodentraining Starthilfe bei der anonymisierten Interviewführung oder ethischen Belangen, Fragen des Daten- oder Selbstschutzes kommen aber nicht oft zur Sprache.

 

So wie Giulio Regeni führen aber gerade Studierende und Wissenschaftler dieser Fächer oft Feldforschung in politisch instabilen Kontexten durch. Dabei setzen sie sich nicht nur selbst Risiken aus: »Sondern auch ihre Feldkontakte und Kollegen vor Ort«, wie Grimm anmerkt.

 

Gemeinsam mit Saliba und Köhler hat er deswegen das Projekt »SAFEResearch« ins Leben gerufen, mit dem sie über sichere Feldforschung informieren. Derzeit arbeiten sie an einem frei zugänglichen Handbuch, unterstützt von investigativen Journalisten, anderen Wissenschaftlern und Netzaktivisten. Zudem bieten sie Workshops an Universitäten an. Mit ihrem Angebot richten sie sich dabei vor allem an Promovierende und erfahrene Forscher, weniger hingegen an Masterstudierende: »Wer gerade das Autofahren lernt, den lässt man auch nicht gleich auf die Straße«, sagt Grimm. Das Bachelor- oder Masterstudium sei nicht primär dazu da, sich im Feld zu beweisen – insbesondere nicht in autoritären oder Konfliktkontexten.

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Politische Reformen in Usbekistan
Politische Reformen in Usbekistan

An gewöhnlichen Tagen ist das nordusbekische Moynaq ein verschlafenes Kaff in einer unwirtlichen Gegend. Wo sich noch vor ein paar Jahrzenten die Ufer des einstmals mächtigen Aralsees erstreckten, bietet sich Besuchern heute ein Bild wie aus einem Endzeitfilm der 1990er Jahre. Tiefe Risse durchziehen eine karge Wüstenlandschaft. Verrostete Schiffswracks liegen im Sand. Das Ufer ist mittlerweile über 80 Kilometer entfernt. Nach Jahrzehnten ökologischen Raubbaus und Misswirtschaft ist die usbekische Seite des Aralsees fast vollständig ausgetrocknet. Jobs sind hier Mangelware. Sauberes Trinkwasser gibt es erst seit ein paar Monaten. Man tut Moynaq also kein Unrecht, wenn man es nicht unbedingt im Epizentrum globaler Popkultur verortet.

 

Doch an einem milden Septemberabend wummern tiefe Bässe durch den Schiffsfriedhof von Moynaq. Um eine kleine Bühne herum tanzen rund zweihundert von weit her angereiste Gäste – Hipster, Start-up-Unternehmer, Neureiche und Bohemiens. Aufwendig gestylte Raver lassen eine übergroße Piratenflagge wehen, Flammen schießen rhythmisch aus einem umfunktionierten Heißluftballon. Der DJ ist aus dem Bassiani eingeflogen, einem legendären Untergrundschuppen in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Es gilt in Fachkreisen als einer der besten Clubs der Welt. Das Magazin Vice schickte einen Journalisten in die nordusbekische Provinz. Sogar das offizielle usbekische Tourismuskomitee war als Sponsor des Raves mit dabei.

 

Unter dem Langzeitregenten Islam Karimov (1938-2016) hätten solche Meldungen bizarr angemutet. Denn Usbekistan galt noch vor Kurzem nicht gerade als Paradies für weltbürgerliche Raver, sondern als eine der restriktivsten Diktaturen der Welt. Seit der Machtübernahme von Nachfolger Shavkat Mirziyoyev im Herbst 2016 scheint nun aber auf einmal alles möglich in Usbekistan, selbst ein alternatives Technofestival. Mit freundlicher Unterstützung der Regierung.

 

 

Der umtriebige Wirtschaftsanwalt Otabek Suleimanov aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent hatte zum »Stihia Festival« gerufen und eine handverlesene Auswahl internationaler DJs eingeladen. Die Technik wurde über 1.200 Kilometer löchrige Landstraße aus Taschkent herangeschafft. Das Stihia sollte laut den Veranstaltern internationale Aufmerksamkeit auf die ökologische Katastrophe am Aralsee zu lenken. Auch die Berliner DJane Dasha Redkina tanzte in Moynaq. Normalerweise spielt sie in den wildesten Clubs Europas. »Die Organisatoren hatten das Festival richtig groß aufgezogen«, erzählt sie zenith.

 

Junge Technokraten und aus dem Exil zurückgekehrte Usbeken arbeiten in Taschkent emsig an der Umsetzung der neuen Gesetze

 

Als der damalige Premierminister Shavkat Mirziyoyev – unter Missachtung der Verfassung –vor über zwei Jahren die Macht an sich riss, erwarteten viele ausländische Beobachter im besten Fall eine nahtlose Fortsetzung des despotischen Karimov-Regimes und im schlimmsten einen Machtkampf zwischen unterschiedlichen Blöcken. Doch Mirziyoyev überraschte die Weltöffentlichkeit mit einem umfassenden Reformprogramm.

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Religion, Verständigung und Dialog in Zeiten der AfD
Kolumne Daniel Gerlach

Es gibt genügend schlechte Nachrichten, über die man sich aufregen könnte. Insofern habe ich eine Weile überlegt, ob es Not tut, sich nun auch kritisch mit den – gefühlt – eher wenigen guten zu befassen. Ich beteilige mich auch in der Regel nicht an Blitz-Gefechten auf Twitter, was schlecht fürs Marketing sein mag, aber gut für die seelische Gesundheit. Und immerhin gibt es da ja noch diese Kolumne, die etwas mehr zulässt als 280 Zeichen.

 

Da wir nun schon bei der Gesundheit waren, fangen wir damit mal an: Im Gesundheitsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags ist am vergangenen Mittwoch ein offenbar herzkranker Fraktionsmitarbeiter zusammengebrochen. Er wurde dank des fachkundigen Einsatzes zweier Parlamentarier lebensrettend notversorgt.

 

In Deutschland zählt der plötzliche Herzstillstand zu den häufigsten Todesursachen. Die Chancen einer erfolgreichen Reanimation schwinden mit den Minuten, dennoch leiten laut Schätzungen in nur rund 15 Prozent der Fälle Laien umgehend entsprechende Maßnahmen ein, was im europäischen Vergleich niedrig ist. Man kann den Beteiligten also nur Dank und Anerkennung aussprechen und dem Betroffenen baldige Genesung wünschen.

 

Die Schlagzeilen und Twitter-Kommentare von Bekannten aus der Medienswelt, die dazu in Umlauf kamen, haben mich allerdings etwas irritiert: Parteigrenzen hätten keine Rolle mehr gespielt, lobte der eine, und es sei umso fabelhalfter, dass ausgerechnet ein türkischstämmiger Sozialdemokrat einem AfDler das Leben gerettet habe, der andere. Dieser Partei gehörte der Patient nämlich an. Außerdem war eine Freie Demokratin mit Ausbildung zur Krankenschwester in die Rettung involviert. Die Bild feierte den SPD-Mann Serdar Yüksel sogar als Gewinner des Tages. Dafür, dass er politische Differenzen im Moment des Notfalls außer Acht gelassen hat: »Lebensretter kennen kein Parteibuch!« hieß es. Und eine Zeit-Kollegin tweetete, etwas sarkastisch an die AfD gerichtet: »Diese Ausländer, jetzt retten sie auch noch Leben.«

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Spekulationen um Nachfolge von Saudi-Arabiens Kronprinz Muhammad bin Salman
Saudi-Arabien und die Nachfolge

Dieser Tage wird weltweit spekuliert, ob der »schwarze« Prinz Muhammad bin Salman, kurz MBS, ersetzt werden muss und wenn ja, durch wen. Es wird wieder ausgiebig »Saudiologie« betrieben, darüber gerätselt, wer in dem aus Tausenden von Prinzen bestehenden Königshaus der al-Saud geeignet ist, Kronprinz und somit vermutlich nächster König des weltweit größten Ölexporteurs zu werden. Ging es vor der »Palast-Revolution« im Jahre 2016 noch darum, wie in der Gerontokratie der Söhne des Gründerkönigs Abdelaziz ein dringend benötigter Generationswechsel stattfinden könnte, so hat sich die Frage zwischenzeitlich mit der auch für Saudiologen unerwarteten Machübernahme von MBS beantwortet.

 

Der heute 33-jährige MBS verdankt seinen Aufstieg, wie es der marokkanische Forscher Nabil Mouline in der französischen Tageszeitung Le Monde erläutert, einer nicht voraussehbaren Verkettung von Ereignissen: Zwischen 2011 und 2015 starben seine drei Onkel Sultan, Naif und Abdallah. Nach Abdallahs Tod wird Muhammads Vater Salman bin Abd al-Aziz der neue König von Saudi-Arabien. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten begünstigte den Aufstieg des jungen Prinzen ebenfalls. MBS entmachtete dann systematisch und brutal ältere Rivalen und andere Linien, etwa die der Nayefs. Der ehemalige Kronprinz Muhammad bin Nayef wurde seiner Ämter enthoben und unter Hausarrest gestellt. Der jahrzehntealten Konsens-Politik innerhalb der Familie machte MBS damit abrupt ein Ende.

 

»Die Familie wird immer einig bleiben, sie hat aus ihrer Geschichte gelernt. Zweimal wurde unser Königreich schon zerstört, weil es Zwist gab«, sagte mir einmal Jamal Khashoggis zeitweiliger Boss Prinz Turki bin Faisal. MBS hat aus seiner Familienhistorie offenbar nicht genug für sein Saudi-Game-of-Thrones gelernt. Heute stellen sich vor allem zwei Fragen: Spielen der eigentlich für Nachfolge zuständige Kronrat und die hier vertretene Familie der Sauds überhaupt noch eine Rolle? Oder ist MBS schon zu einem modernisierenden, arabischen Diktator à la Saddam Hussein geworden, der alle Rivalen bereits ausgeschaltet hat? Gegen letzteres spricht, dass noch immer ein großer Teil der Königsfamilie zum Regieren gebraucht wird. Saudi-Arabien besitzt keinen richtigen Staatsapparat. Bis heute sind sehr viele Schlüsselpositionen nicht nur auf ministerialer Ebene, sondern auch in den 13 Provinzen Saudi-Arabiens in den Händen von Prinzen.

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Saudi-Arabiens Kronprinz und der Fall des Journalisten Jamal Khashoggi
Kolumne Daniel Gerlach

Haben Sie schon einmal die Rumelische Festung besichtigt? Es lohnt sich, unbedingt. Die meisten Istanbul-Reisenden sehen sie höchstens aus der Ferne, etwa wenn sie einen Bootsausflug zum Bosporus-Vorort Tarabya unternehmen. Es ist diese Burg dort, wo man gefühlt mit einem Steinwurf jedes vorbeifahrende Schiff treffen könnte. Sieht aus wie eine Filmkulisse, wurde aber tatsächlich unter Mehmed II. Fatih, dem Eroberer von Konstantinopel gebaut. 400 Janitscharen Besatzung hatte sie einst, ihre Kurtinen und Bastionen fügen sich malerisch in den Westhang ein und machen sie zu einem Meisterwerk der Festungsarchitektur.

 

Falls Sie sich demnächst einmal in der Nähe des saudischen Konsulats von Istanbul aufhalten: Bei mäßigem Verkehr sind es maximal 15 Minuten mit dem Taxi, Eintritt: zehn Lira. Ob demnächst ein paar baugeschichtlich interessierte saudische Touristen auftauchen und in einem der großen, saudisch finanzierten Nachrichtensender von der Rumeli Hisari schwärmen? Nur deshalb seien sie eigens mit einem Privatjet für einen Tag nach Istanbul gekommen – mit einer kleinen Truppe von Freunden, die dieses, in Saudi-Arabien sonst eher selten anzutreffende Hobby teilen. Man hat wenig Zeit und gönnt sich ja sonst wenig im Leben.

 

»Schafft ihn mir vom Hals«

 

Der Fall Jamal Khashoggi bringt täglich neue Indizien, Vermutungen und forensische Details hervor. Im Mittelpunkt des Medieninteresses steht dabei die Frage, ob, aber vor allem wie Khashoggi von einem mutmaßlichen saudischen, oder zumindest mutmaßlich aus Saudi-Arabien beauftragten, Kommando getötet wurde. Man fragt nach dem Tathergang, dem Motiv – war Khashoggi wirklich so ein harter Kritiker des saudischen Regimes, das man solche Risiken eingeht? – und dem, was schief gelaufen ist.

 

In diesem Zusammenhang kommen wir aber nicht umhin, nach der Mentalität und dem Weltbild derjenigen zu fragen, die andere zu solchen Taten dingen. Im Fall Khashoggi drängen sich Parallelen auf zu anderen Mordfällen – und das nicht wegen etwaiger politischer und diplomatischer Zerwürfnisse, die sie zur Folge hatten, ja nicht einmal aufgrund des Tatmotivs. Es ist vielmehr die Mentalität des Mörders und seiner Hinterleute. So wie man in der forensischen Psychiatrie versucht, die Frage zu beantworten, ob ein Täter zum Tatzeitpunkt in der Lage war, das Unrecht seines Handelns zu erkennen.

 

Wenn Khashoggi tatsächlich auf Geheiß des saudischen Staats getötet wurde, wusste die Regierungsspitze davon und hat die Operation autorisiert: Das mag nicht für König Salman zutreffen, der aus den täglichen Regierungsgeschäften weitgehend entfernt wurde, gewiss aber für den Kronprinzen Muhammad Bin Salman (MBS), der die Außen- und Sicherheitspolitik bestimmt. Grundsätzlich ist in solchen Fällen nicht auszuschließen, dass ein Herrscher einen solchen Auftrag als Kommando oder als Operationsbefehl formuliert: Letzteres kann sogar ein lapidares: »Schafft ihn mir vom Hals« bedeuten. Oder ein »Faîtes le nécessaire – tut das Nötige«, wie Frankreichs Präsident François Mitterand der Legende nach die Ausschaltung von Staatsfeinden auf anderen Kontinenten genehmigte.

 

Bei einem Charakter, wie ihn MBS gern von sich zeichnen lässt, kaum vorstellbar: Ein derart tatendurstiger Feldherr wird die Details einer solchen Operation erfahren wollen. Viele Beobachter fragen sich, ob der Tod Khashoggis, der nach Auskunft engerer Bekannter an einer chronischen Erkrankung litt, eine unbeabsichtigte – gleichwohl vorhersehbare – Folge von Gewaltanwendung und dem Einsatz von Sedativen während der Entführung war. Oder ob von Anfang an geplant war, ihn zu ermorden und seinen Leichnam in Einzelteile zu zerlegen.

 

Entführungen im Ausland mit falschen Krankentransporten haben saudische – ebenso wie türkisch, iranische, israelische, russische und viele andere Dienste – wohl bereits mehrfach erfolgreich durchgeführt. Und sie sind meisten damit davongekommen. Auch Morde an Dissidenten waren in den vergangenen Jahrzehnten keine Seltenheit: Wer allerdings im eigenen Konsulat ein solches Massaker verübt, hat entweder vollkommen den Bezug zu Realität und Risiken verloren, oder möchte ein furchtbares Exempel statuieren.

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Erdgas im Mittelmeer
Das Feld ist bestellt

Es klingt wie die Versuchsanordnung eines sozial-psychologischen Experiments: Man nehme eine Gruppe von Akteuren, die untereinander in herzlicher Abneigung verbunden sind, und füge einen externen Faktor hinzu, der allen Akteuren zugutekommen könnte, jedoch ungleich verteilt ist und nur bei gegenseitiger Kooperation seine volle Wirkung entfacht. Würde Bewegung in verhärtete Fronten kommen? Die Feinde enger zusammenzurücken? Würden sie Allianzen schmieden oder sich mit Inbrunst in alte Fehden stürzen, ohne ihrem Nächsten auch nur den kleinsten strategischen Vorteil zuzugestehen?

 

2009 läutete die Entdeckung des Gasfeldes Tamar vor der israelischen Küste den Versuchsablauf entlang dieser Koordinaten ein. Der externe Faktor: Gas. Die Akteure: die Anrainerstaaten, internationale Energieriesen, Russland und die USA.

 

Ägypten hätte eigentlich alle Trümpfe in der Hand. Dort entdeckte das italienische Energiekonglomerat ENI 2015 mit Zohr das bisher mit Abstand größte Gasfeld der Region. Zudem verfügt das Land über Erfahrung in der Gasförderung und könnte beim Export auf bestehende Infrastruktur zurückgreifen. Politische und wirtschaftliche Turbulenzen verzögerten jedoch die Entwicklung von Zohr immer wieder. 2016 wurde Ägypten gar selbst zum Gasimporteur. Seit Ende 2017 wird nun zwar Gas in Zohr gefördert, die Fördermenge bleibt aber noch hinter den Erwartungen zurück.

 

 

In unmittelbarer Nachbarschaft und schon auf zyprischen Hoheitsgebiet stieß das amerikanische Unternehmen Noble Energy bereits 2010 auf das Gasfeld Aphrodite. Der Wermutstropfen: Die ausschließliche Ausbeutung des deutlich kleineren Gasfelds würde sich wirtschaftlich kaum rechnen.

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Übergangsjustiz in Tunesien
Tunesien, Freihandel mit der EU und Osteuropa

Sechs Jahre nach der Revolution hängt das System der Übergangsjustiz in Tunesien am Tropf. »Ich will so schnell wie möglich eine neue Seite aufschlagen und die Vergangenheit hinter uns lassen. Wir müssen von nun an nach vorne schauen«, erklärte Tunesiens Präsident Mohamed Beji Caid Essebsi in Bezug auf sein umstrittenes Amnestiegesetz, das dazu dient, Staatsbeamte zu schützen, die bereits unter dem Regime von Zine El Abidine Ben Ali dienten.

 

Inzwischen sehen sogar die Verfechter einer rigorosen Übergangsjustiz die Ende 2013 eingesetzte »Kommission für Wahrheit und Würde« (IVD) kritisch. »Sie ist hochpolitisch, ineffizient und nicht besonders transparent«, meint Achref Aouadi, Präsident der Anti-Korruptions-NGO »I Watch«. »Wir brauchen eine Debatte darüber, wie wir das Konzept der Übergangsjustiz retten können – oder was davon noch übrig ist. Denn der Prozess ist weder in den Händen der Regierung noch in denen der Wahrheitskommission gut aufgehoben.«

 

2016 erreichte der Prozess der Übergangsjustiz mit den ersten öffentlichen Anhörungen einen Meilenstein. Im Fernsehen und im Internet konnten die Tunesier erstmals verfolgen, wie Bürger detailliert und oft unter Tränen Foltermethoden und andere Menschenrechtsverletzungen beschrieben.

 

»Die Menschen waren erstmals mit ihrer schmerzlichen Vergangenheit konfrontiert und hörten die Schilderungen aus erster Hand, nämlich von den Opfern«, betont Salwa El Gantri, Leiterin der tunesischen Zweigstelle des »Zentrums für Übergangsjustiz« (ICTJ), die Bedeutung der Live-Übertragungen. Sie beschreibt die Anhörungen als »eine Art Urknall« für die tu­nesische Gesellschaft.

 

Doch nicht nur die Opfer fanden Gehör, auch die Täter kamen zu Wort. Imed Trabelsi, der Neffe von Präsidentengattin Leila Trebelsi, deren Familie das Land unter Ben Alis Herrschaft systematisch geschröpft hatte, schilderte das Korruptionsgeflecht, das die Wirtschaft des Landes durchzog. »Obwohl diese Klüngelei den meisten Tunesiern bekannt war, machte es doch großen Eindruck, einen der Beteiligten selbst darüber reden zu hören«, so El Gantri.

 

Präsident, Parlament und Regierung glänzten bei den Anhörungen durch Abwesenheit. »Es wäre eine einmalige Gelegenheit gewesen, um ihrer Unterstützung für den Wahrheitsfindungsprozess in Tunesien Ausdruck zu verleihen und ein Zeichen zu setzen«, erläutert El Gantri. So versagten führende Amtsträger dem Prozess nicht nur die Rückendeckung, sondern machten sich zugleich verdächtig: Essebsi diente sowohl unter Ben Ali als auch unter dessen Vorgänger Habib Bourguiba.

 

Die öffentlichen Anhörungen fielen zeitlich mit der Konferenz »Tunesien 2020« zusammen – für die Regierung eine Bühne, um für Investitionen zu werben und die Offenheit Tunesiens für neue Unternehmen zu demonstrieren. Aus den Reihen der Politik wurde damals der Vorschlag gestreut, die Anhörungen abzusagen – aus Angst, die Zeugenaussagen könnten die Investorenkonferenz negativ beeinflussen.

 

Salwa El Gantri sieht das anders. »Der Präsident und seine Familie agierten praktisch als Mafia, die das Land ausgebeutet hat. Wenn sich Tunesien nach der Revolution entschieden hätte, diese Wirtschaftsverbrechen zu verfolgen, hätte das signalisiert, dass hier Rechtssicherheit gewährleistet wird.«

 

Dass der Blick auf die Vergangenheit die Sicht auf die Zukunft versperren würde, ist das häufigste Argument, das Kritiker gegen den Prozess der Übergangsjustiz anführen. Andere räumen ein, dass ein paar faule Äpfel tatsächlich das System zu ihrem Vorteil missbraucht hätten und es daher einer umfassenden Bürokratiereform bedürfe – aber nicht einer langwierigen Aufarbeitung.

 

Tunesische Firmen außerhalb des ­Klüngels hoffen, von einer ­größeren Offenheit bei öffentlichen ­Ausschreibungen zu profitieren

 

Doch die wohl größte Herausforderung besteht darin, die Bevölkerung noch stärker zu sensibilisieren und miteinzubinden. Viele Tunesier zeigen entweder kaum Interesse am Prozess der Übergangsjustiz oder glauben, dass er sich auf Opfer und Täter unter den Regimen Ben Ali und Bourguiba beschränkt. Ein Gefühl für die gesamtgesellschaftliche Dimension der Aufarbeitung hat sich in der Bevölkerung noch nicht durchgesetzt.

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Interview mit Anatol Lieven zu Afghanistan und den Taliban
»Afghanistans Regierung könnte sehr schnell kollabieren«

zenith: US-Verteidigungsminister Mattis war jüngst in Kabul, Russland lädt auch die Taliban zu neuen Friedensgesprächen nach Moskau ein, ebenso sollen sich US-Diplomaten in Katar mit Taliban-Emissären getroffen haben. Gleichzeitig fegt eine neue Welle der Gewalt über das Land – und die Taliban entreißen der Regierung immer mehr Gebiete. Was geht in Afghanistan vor sich und lassen die vielen, teils widersprüchlichen Meldungen vom Hindukusch in ein Erklärungsmuster erkennen?

Anatol Lieven: Die Ausgangslage hat sich eigentlich nicht wirklich verändert und alles, was in den vergangenen Wochen geschehen ist, bestätigt mich in dieser Einschätzung. Der Angriff auf Taliban auf Städte wie Ghazni ist natürlich keine gute Nachricht, aber auch keine Katastrophe. Die Taliban haben es bislang nie geschafft, nach solchen Eroberungszügen größere Städte dauerhaft zu halten.

 

Es ist also zu erwarten, dass die Gegenden, die die Taliban unter ihre Kontrolle gebracht haben, bald wieder an die Regierungstruppen zurückfallen?

Nein, zumindest nicht auf dem Land. Denn ganz egal, wieviel Unterstützung die afghanischen Streitkräfte von den Amerikanern bekommen, werden sie erstens die Taliban nie besiegen und zweitens einige Landstriche nicht mehr zurückerobern können. Das wird einfach nicht passieren. Und ohne amerikanische Waffenhilfe würde die afghanische Armee im Übrigens sofort zusammenbrechen, weil sie vollständig, bis auf den letzten Cent, von den USA finanziert wird. Entweder wird dieser Krieg ewig so weiterlaufen – und das würde bedeuten, dass die US-Truppen auf unbestimmte Zeit im Land stationiert bleiben müssten. Oder die Kriegsparteien lassen sich auf einen Kompromiss ein.

 

Wie stehen die Bedingungen dafür im Land?

Bislang beschränkten sich Gespräche auf Kleinigkeiten. Einen detaillierten Entwurf für einen Friedensplan bleiben die Taliban zum Beispiel bislang schuldig. Ebenso hat die Regierung den Taliban noch kein Angebot unterbreitet, dass wirklich Unterstützung findet.

 

Gäbe es denn genug Druck von außen, um auf einen Friedensschluss zu drängen?

Die Dynamik der Supermächte in Zentralasien ist mittlerweile sehr viel komplizierter als früher, als es noch mehr oder weniger eine bipolare Auseinandersetzung war. Heute flammt nicht nur die amerikanisch-russische Rivalität wieder auf, sondern ebenso Washingtons Spannungen mit China und Iran. Auch die Rolle Indiens und Neu-Delhis schwieriges Verhältnis zu Pakistan und China müssen hier berücksichtigt werden.

 

Ganz konkret könnten die Taliban den Russen zum Beispiel anbieten, gegen den afghanischen Ableger des sogenannten Islamischen Staates (IS) vorzugehen

 

Was verspricht sich Russland in Afghanistan?

Die Russen sehen in Afghanistan eine Realität, die sich nicht wegwünschen lässt und auf die man Antworten finden muss. Sie wissen, dass die Taliban nicht einfach verschwinden werden und dass man sich irgendwann mit ihnen arrangieren muss. Und sie sind sicher, dass die Taliban auf kurz oder lang sowieso an einer Regierung beteiligt sein werden. Allerdings möchte Moskau um jeden Preis ein Afghanistan unter Taliban-Kontrolle wie in der 1990er Jahren verhindern, das die ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien destabilisieren oder die bewaffneten Konflikte im Nordkaukasus wieder anfachen könnte.

 

Moskau will die Taliban einhegen?

Die Taliban haben den Russen in dieser Hinsicht wohl schon Zugeständnisse signalisiert. Dabei beriefen sie sich auf Aussagen von Mullah Omar …

 

… der frühere Taliban-Führer, der 2013 starb …

… demnach sich die Taliban nicht als internationalistische Dschihadisten sehen und keinen Kämpfern mehr Unterschlupf gewähren wollen, die eine Bedrohung für die Nachbarländer darstellen. Ganz konkret könnten die Taliban den Russen zum Beispiel anbieten, gegen den afghanischen Ableger des sogenannten Islamischen Staates (IS) vorzugehen, zumal Russland den IS als die größte externe terroristische Gefahr einstuft.

 

Zugleich steht auch Zentralasien im Schatten der Rivalität zu den USA.

Die Russen wollen, dass die Amerikaner und ihre Militärstützpunkte aus der Region verschwinden. Deswegen drängen sie auf eine Verhandlungslösung, die ihnen zusichert, dass die US-Basen in Afghanistan dichtgemacht werden.

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Aufarbeitung und Algerienkrieg
Kolumne Daniel Gerlach

Wenn man sich erst einmal in einer Lüge eingerichtet hat, lernt man mit ihr zu leben. Am Ende glaubt man sie sogar selbst. Je länger sie Bestand hat, desto schwerer fällt es, von ihr abzurücken. Aber der kurzfristige Vorteil, den diese Lüge womöglich mit sich brachte, verkehrt sich bald ins Negative. Die Opportunitätskosten steigen.

 

Bei Staaten verhält es sich nicht anders, zumal ihre Haltung zu Wirklichkeit und Wahrheit ja oft nichts Anderes ist als eine politische Position.

 

Nichts anderes als die Wirklichkeit anerkennen wollte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Fall des ermordeten Maurice Audin. Die Französische Republik, in deren Namen er ja spricht, hat nun eingeräumt, dass sie die Schuld an Audins Tod trage, damals, 1957 im Algerienkrieg.

 

Hollande hatte in der Causa Audin noch herumlaviert und ein eindeutiges Eingeständnis der Schuld des Staates abgelehnt, Sarkozy ließ einen Brief der Witwe unbeantwortet.

 

Der 25-jährige Familienvater und Mathematikdozent Audin engagierte sich im kommunistischen Widerstand für die algerische Unabhängigkeitsbewegung und stand dabei im Verdacht, den bewaffneten Kampf der Nationalen Befreiungsfront Algeriens (FLN) aktiv zu unterstützen. Eines nachts verschleppten Soldaten, die »Paras« des berüchtigten Ersten Fallschirmjägerregiments (RCP) Audin von zu Hause, folterten ihn mit Elektroschocks und ließen ihn offenbar verschwinden. Seine Frau Josette, bei der Präsident Macron in dieser Woche um Vergebung bat, sollte nie erfahren, wo sein Leichnam verscharrt worden war.

 

Über Jahrzehnte sammelten Journalisten, Freunde der Familie und Anhänger der Kommunistischen Partei Zeugenaussagen und Dokumente. Die Behörden mauerten, es kursierten verschiedene Hypothesen: geflohen und in den Kriegswirren verschwunden, auf der Flucht erschossen, gezielt von den Paras liquidiert und fortgeschafft, während der Folter gestorben, also gewissermaßen aus Versehen umgebracht. Andere präsentierten Indizien dafür, dass Audin irrtümlicherweise an Stelle eines anderen Kommunisten umgebracht worden sei.

 

Es ist in jedem Fall ein ebenso unrühmliches wie emotionales Kapitel der französischen Zeitgeschichte, und Macron hat wieder einmal etwas richtig gemacht: Sein Vorgänger Hollande hatte in der Causa noch herumlaviert und ein eindeutiges Eingeständnis der Schuld des Staates abgelehnt, Sarkozy ließ einen Brief der Witwe unbeantwortet.

 

Die Kämpfer des FLN waren denjenigen »weißen« Franzosen, die sie wie Audin unter Einsatz ihres Lebens unterstützten, dankbar.

 

Es ist eine große symbolische Geste, die, wenn man es genau nimmt, mehr als nur symbolisch ist. Macrons politische Kritiker mögen vermuten, dass er sich damit einen taktischen Vorteil erhofft: Sympathie von der politisch noch immer bedeutenden Linken, die ihn bei seinem aktuellen »Plan gegen die Armut« unterstützen soll. Aber die Sache hat viel mehr Gewicht – und internationale Konsequenzen.

 

Denn als erster französischer Präsident hat Macron anerkannt, dass Folter und Tötung keine unglücklichen Betriebsunfälle der Kolonialgeschichte waren. Es hatten nicht einige übereifrige Militärs über die Stränge geschlagen – die Sache hatte System. Staatliche Institutionen und sogar die französische Nationalversammlung hatten die so genannten Spezialoperationen legalisiert und damit die Voraussetzungen für systematische Folter und Liquidierungen geschaffen.

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Folter unter dem IS im Irak
Die Unbezwingbaren

Jede von Hasiba Shamos seltenen Bewegungen scheint durchdacht. Als wolle sie nicht auffallen, als sei ihr die neu errungene Freiheit nicht geheuer. Als würden sich der süß duftende Tee und das frisch gebackene Brot ihrer Mutter mit einem Mal in Luft auflösen und das Tageslicht erlöschen, das sich seit ihrer Ankunft so zuverlässig den Weg durch die Kunststofffenster des Rohbaus im Flüchtlingslager Derabon im Nord­irak bahnt. Doch die 20-Jährige möchte ihre Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die im August 2014 beginnt, als die Kämpfer des IS eine Offensive zur Eroberung des Sindschar-Gebirgszuges starteten – der Heimat vieler jesidischer Familien wie den Shamos.

 

Die Unbezwingbaren
Hasiba Shamos seelische Wunden sind tief. Drei Jahre lang musste sie in Mosul im Haus eines IS-Kämpfers leben und ihm und seiner Familie dienen.Foto: Philipp Spalek

 

»Es ging so schnell. Wir hörten Schüsse und Einschläge von Geschossen. Und wir versuchten, zu entkommen. Doch sie holten uns ein und zwangen uns, auf die Ladeflächen ihrer Pick-ups zu steigen. Dann brachten sie uns nach Raqqa«, erinnert sich Hasiba. Die wichtigsten Informationen über die Gefangenen hätte der IS akribisch in Akten in seiner ehemaligen Hochburg im syrischen Norden festgehalten, sagt sie. »Es gab dort ein Büro, das nur den Zweck hatte, uns wie auch viele andere zum Kauf anzubieten.«

 

In den meisten Fällen waren es Kämpfer der Miliz, die die Frauen zu ihren Sklavinnen machten. Manchmal, wie im Fall von Hasibas Mutter Sachari und Hasibas drei jüngeren Schwestern Lina, Lucy und Lura, traten aber auch Angehörige der Verschleppten über Mittelsmänner mit dem Büro in Kontakt und kauften sie frei. Doch für Hasiba kam diese Hilfe zu spät. Schon kurz nachdem sie gefangen genommen wurde, zahlte ein IS-Kämpfer aus Mosul den Kaufpreis für die damals 17-Jährige. Er lag bei 800 US-Dollar.

 

Die Unbezwingbaren
Sakhari Mahmud Wadi hält das Bild ihres Sohnes Hasem in der Hand. Hasem Shamo, 17, war vom IS in Raqqa als Soldat eingezogen worden. Seine Mutter wollte Raqqa nicht ohne ihn verlassen.Foto: Philipp Spalek

 

Hasibas Wunden in der Seele sind frisch und gehen tief. Erst im Frühjahr 2017, als die irakische Armee und ihre Verbündeten den Belagerungsring um Mosul enger zogen, konnte sie aus der Gefangenschaft des Mannes entkommen, der sie in seinem Haus in der nordirakischen Stadt eingesperrt hatte. »Er und seine Familie behandelten mich wie Vieh«, sagt Hasiba heute. Drei Jahre hatte sie in einem kleinen, fensterlosen Raum verbracht und jeden Abend gebangt, ob ihr Peiniger wiederkehren würde, um sich an ihr zu vergehen. »Er kam immer nachts. Alle sahen weg, seine Frau, seine Kinder, sein Vater, seine fünf Schwestern.« Was ihr in dieser verzweifelten Situation den Mut zum Weiterleben gab, waren die Gedanken an ihre Familie. Und der Wille, dass der IS nicht auch noch ihre Seele bekommt.

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Jemeniten in Jordanien
Jemeniten in Jordanien

Es ist Nacht in Amman. Straßenhändler packen ihre Stände zusammen, hupende Taxis schieben sich durch überfüllte Straßen. Grellleuchtende Glühbirnen erhellen Obststände, bunte Neonreklamen rufen stumm durch die Nacht. Vor einem Restaurant unterhalten sich zwei Männer leise, ihre Worte verlieren sich in den Geräuschen der Stadt. Der eine malt mit der Zigarette in der Hand phantastische Zeichen in die Dunkelheit.

 

Schlagartig rennt er los, die Zigarette fällt zu Boden. Im Sprung streift er seine Schürze über den Kopf, und in wenigen Schritten ist er im Hinterzimmer des Restaurants verschwunden. Er scheint Übung zu haben. Männer in Uniformen laufen bestimmten Schrittes auf das Restaurant zu. Nach einigen Minuten ziehen sie weiter, und der Mann aus dem Hinterzimmer tritt, ganz vorsichtig, wieder hinaus in die Nacht.

 

Karam G. kommt aus dem Jemen. 2012 brachte ihn die Hoffnung auf ein höheres Gehalt nach Jordanien, dann kam der Krieg. Heute arbeitet er täglich vierzehn Stunden für einen Hungerlohn, um in Jordanien über die Runden zu kommen – und seine Familie im Jemen mit dem Mindesten zu versorgen.

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Arabische Klassik im Libanon
Grammophon

Ein gut besuchter, schlicht gehaltener Klub im Industriegelände Beiruts. Im Inneren hievt ein träger Lastenaufzug nach und nach größere Gruppen junger Menschen in die von Stahlträgern gestützte Halle der »Grand Factory« mit Blick auf Beiruts nächtlichen Hafen. In einer Ecke führt ein unauffälliger Gang in einen weiteren, kleineren Raum. Auf der Bühne stehen drei junge Musiker Anfang 20, mehrere Dutzend Zuhörer tanzen davor. Die Luft steht, der Schweiß rinnt: eine Szene, die sich genauso in Berlin abspielen könnte, würden sich draußen nicht die chaotischen Straßen der libanesischen Hauptstadt winden und drinnen eine Vielzahl klassischer arabischer Musikinstrumente ertönen.

 

Mithilfe der Rohrflöte Nay, der Kurzhalslaute Oud und der Kastenzither Kanun, ergänzt durch ein modernes Mischpult und mehrere Verstärker, erzeugen die jungen Männer von Tarabeat einen Klangmix, der die Zuhörer nachhaltig zu beeindrucken scheint. Immer freier bewegen sie sich zu der Musik, lachen, tuscheln, tanzen. Was keiner im Publikum ahnt: Hinter der ungewöhnlichen Mischung aus elektronischen und klassischen arabischen Elementen steht mehr als ein musikalisches Experiment.

 

Arabische Klassik im Libanon
Die Musiker brauchen keine Noten, sie einigen sich auf eins der verschiedenen Makamat der arabischen MusikFoto: Jad Bechara Jad Bechara

 

Mit dem neuartigen Einsatz der traditionellen Musik betreiben die jungen Künstler kulturelle Aufklärung. Sie wollen eine Alternative zur Pop- und Volksmusik bieten, die der Großteil der Libanesen als repräsentativ für die eigene Musikkultur hält – ein Phänomen, das sich in vielen arabischen Ländern beobachten lässt. Was der arabischen Musikkultur wirklich zugrunde liegt, ist den meisten weitestgehend unbekannt: eine umfangreiche Tradition der Klassik, die in vorislamischen Zeiten entstand. Nicht viele Libanesen wissen um diese vergessenen Lieder und sind dementsprechend erstaunt, wenn sie in einem Beiruter Klub zufällig auf deren ungewohnte und doch entfernt vertraute Klangelemente stoßen.

 

Kamil Feghali hat es genau auf diesen Effekt angelegt. Er ist einer der drei jungen Männer von Tarabeat, die die klassischen Klänge so ungewohnt in ihre elektronische Musik integrieren. »Wir kreieren modernen Sound, der aber die Kultur und Theorie der klassischen arabischen Musik respektiert«, sagt er. Mit Leichtigkeit wechselt Feghali zwischen dem Mischpult und der arabischen Flöte Nay, die beim Spielen in seinem dunklen Vollbart versinkt. »Für mich spiegelt klassische arabische Musik die Großartigkeit und das Potenzial der arabischen Kultur wider«, sagt er.

 

Während die klassische Musik heute großen Raum in seinem Leben einnimmt, spielte sie noch vor einigen Jahren keine Rolle für ihn. Wie viele libanesische Christen verschuldeten sich seine Eltern, um ihren Sohn auf eine französische Privatschule zu schicken. Auf das Erlernen von Hocharabisch wurde dort wenig Wert gelegt, umso mehr dafür auf die ehemalige Mandatssprache Französisch. »Arabische Kultur hatte damals etwas Vulgäres für mich«, erinnert er sich. Erst als Feghali gegen den Willen seiner Familie Film statt Wirtschaft studierte, traf er an der Universität in Beirut Menschen, die anders dachten – und glaubten. Nach wenigen Wochen lernte er nicht nur neue Ansichten zur arabischen Kultur und Politik, sondern auch seine ersten muslimischen Freunde kennen.

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