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Corona und Krise im Libanon
Corona und Krise im Libanon

Trotz Wirtschaftskrise, Revolution, Währungsverfall, Staatsbankrott und zuletzt dem Beginn einer lebensgefährlichen Seuche: Einen Mangel an Toilettenpapier hat es in Beirut zu keinem Zeitpunkt gegeben.

 

Auch bildeten sich Mitte März, als die Regierung die Schließung des einzigen internationalen Flughafens und eine »allgemeine Mobilisierung« gegen die Epidemie ankündigte, keine langen Schlangen vor den Geschäften. Die Bürger hamsterten nicht.

 

Mit der Ausrufung einer landesweiten Quarantäne, die mit dem deutschen Modell der Kontaktsperren vergleichbar ist, leerten sich allerdings die Straßen. Und mit dem charakteristischen Lärm verzog sich auch die grau-braune Smogwolke, die sonst über der Stadt steht. Unter der Frühlingssonne wirkt die zerrupfte Metropole nun geradezu friedlich und frisch.

 

Das Runterschalten des Betriebs hatte schon Ende Februar begonnen, als die Regierung von Ministerpräsident Hassan Diab die Schließung von Universitäten, Schulen und Kindergärten verfügt hatte. Gut zwei Wochen bevor sich die deutschen Bundesländer nach langer Diskussion endlich zu ähnlichen Schritten entschließen, hatten sich die Libanesen mehr oder minder geräuschlos dieser Entscheidung untergeordnet.

 

Vielleicht war die in Aussicht stehende Pandemie zumindest zu Beginn auch eine willkommene Ablenkung vom libanesischen Schicksal, von der tiefen Zerstrittenheit. »Corona ist eine internationale Krise, die einen Moment lang den Blick auf die politischen Differenzen versperrt hat«, sagt die Psychologin Zeina Zerbé. Doch wahrscheinlich werde gerade diese Seuche dazu führen, dass viele Menschen wieder in die Arme der religiösen Gruppen und Parteien flüchten. »Genau dagegen haben wir während der Revolution ja gekämpft.«

 

Corona und Krise im Libanon
Psychologin Zeina Zerbé sieht schon die Folgen der komplexen Krise, bald rechnet sie mit Belastungsstörungen bei ihren Landsleuten.Foto: Thore Schröder

 

Zeina Zerbé hatte während des Oktoberaufstands traumatisierte Aktivisten in einem Zelt auf dem Märtyrerplatz betreut, spricht normalerweise in ihrer Praxis in Furn al-Shebbak im Osten der Hauptstadt mit ihren Patienten und hält die Sitzungen jetzt in ihrer Wohnung in Adlieyeh über Skype ab.

 

»Viele Menschen saßen schon vor Corona zu Hause«, erinnert sie an die Arbeitslosenquote von fast 40 Prozent, noch bevor die Krankheit das Land erreicht hatte. Der libanesische Ökonom Dschamal Saghir, 25 Jahre im Dienst der Weltbank, sagt: »Der Libanon steht vor einer fundamentalen ökonomischen, finanziellen und sozialen Krise, mit der er umgehen muss, während eine weitere verheerende Krise verläuft.« Den Preis dafür müssten sicher die Ärmsten bezahlen, »besonders die Ärmsten der Armen.«

 

Hoffnung macht dem Experten, der während des Bürgerkriegs noch in seiner Heimat gelebt hatte, die Widerstandskraft seiner Landsleute: »Sie haben die Fähigkeit, viel zu ertragen, etwas aus ihrer Lage zu machen.« Die Libanesen seien das Durchhalten gewöhnt.

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Corona und der Krieg um Libyen
Corona und der Krieg um Libyen

Wie für mittlerweile zwei Drittel aller Menschen weltweit gelten nun auch in Libyen ganztägige Ausgangssperren. In seltener Einigkeit verkündeten die verfeindeten Regierungen im Osten und Westen des Landes fast identische Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Bereits seit letzter Woche haben also nur noch Lebensmittelläden geöffnet, Cafés und Restaurants bleiben bis auf Weiteres geschlossen.

 

Doch während sich über viele Städte seit Beginn der Quarantänemaßnahmen eine fast verstörende Stille gelegt hat, schallt durch die Straßen der südlichen Bezirke von Tripolis das Echo von Granaten-Explosionen und Schüssen. Der Krieg geht trotz Virus weiter – vielleicht geht er sogar gerade wegen der Pandemie in eine entscheidende Phase.

 

Die zahlreichen, seit Gaddafis Sturz aufflammenden Konflikte, haben die verbliebenen staatlichen Strukturen nicht völlig zerstören können. Zu dem Krieg um die libysche Hauptstadt, die anhaltende Blockade der Ölfelder des Landes und die vielen, unbezahlten Löhne kommt nun eine neue Herausforderung; ein mikroskopisch kleiner Feind, den viele Libyer aber als bislang größte Bedrohung sehen.

 

Die überall in Nordafrika verhängten rigiden Maßnahmen gegen die Virusausbreitung bieten den Kriegsparteien in Libyen einen strategischen Vorteil.

 

Bislang liegen erst zehn gemeldete Erkrankungen mit dem Coronavirus in dem Land mit seinen sechs Millionen Einwohnern vor. Doch das liegt auch daran, dass es kaum Möglichkeiten gibt, auf das Virus getestet zu werden. Das sei vielleicht besser so, witzeln einige Libyer, denn mit viel mehr Infizierten könne das Gesundheitssystem des Landes ohnehin nicht umgehen. 75 Millionen libysche Dinar, umgerechnet 47 Millionen Euro, hat die von der internationalen Gemeinschaft anerkannte Regierung in Tripolis dem Gemeinden in Ost- und Westlibyen bereitgestellt, darüber hinaus 500 Millionen Dinar (940 Millionen Euro) für präventive Corona-Maßnahmen. Die von General Khalifa Haftar geführte Parallel-Regierung in der Cyreneika kontrolliert die verhängte Ausgangsperre scharf und rüstet die Krankenhäuser auf.

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Ärzte ohne Grenzen und die Corona-Lage im Nahen Osten
Ärzte ohne Grenzen und die Corona-Lage im Nahen Osten

zenith: Viele der Länder im Nahen Osten, in denen Ärzte ohne Grenzen (MSF) arbeitet, sind bereits schwer gezeichnet von Krieg und Konflikt. Vor welche Herausforderung stellt das Ihre Organisation im Kampf gegen die Verbreitung des Coronavirus?

Caroline Seguin: Unser größtes Problem ist, dass die Flughäfen geschlossen sind und wir keine Verstärkung zu unseren Teams schicken können. Wir sitzen alle fest. Also müssen die, die bereits vor Ort sind, noch härter arbeiten – auch wenn es sich dabei in vielen Fällen nur um die Notbesatzung handelt. Die zweite große Herausforderung ist die Versorgung mit medizinisch notwendigem Material, allen voran Schutzmasken, Sauerstoff und so weiter. In den Ländern, in denen wir arbeiten, ist es unmöglich, diese Ausrüstung zu besorgen. Selbst in anderen Länder außerhalb der Region gelingt uns das kaum noch und dann stellt sich wiederum die Frage, wie wir das Material angesichts der geschlossenen Flughäfen einfliegen können.

 

In Ländern wie Jemen und Syrien kommt außerdem hinzu, dass jahrelange Konflikte wichtige Teile der Infrastruktur zerstört haben.

Natürlich, einige der Länder befinden sich im Krieg und in so einer Situation müssen wir mit unserer Arbeit besonders vorsichtig sein. Schon heute sehen wir, wie die Ausbreitung des Coronavirus die ohnehin angespannte Lage weiter verschärft.

 

Ausgangssperren, Einreiseverbote, steigende Fallzahlen: Wie koordinieren sich die Teams unter diesen Bedingungen?

Wir sind in gutem Kontakt zur Weltgesundheitsorganisation (WHO), um eine Antwort auf diese Krise zu finden. In einigen Ländern gelingt es uns aber nicht einmal, die Regierung oder die Verantwortlichen im nationalen Gesundheitsministerium zu erreichen – alle sind permanent beschäftigt und kaum erreichbar. Parallel versuchen wir Schutzkleidung zu besorgen, was nur bedingt möglich ist. Außerdem bieten wir Fortbildungen für medizinisches Personal an, um es auf den Umgang mit dem Virus vorzubereiten.

 

»Wegen der Ausgangssperre können unsere Mitarbeiter das medizinische Personal in den Krankenhäusern kaum noch erreichen«

 

Wie funktioniert das genau?

Wir bereiten Ärzte, Ärztinnen, Krankenpfleger und Krankenschwestern auf die spezifischen Herausforderungen vor, die Covid-19 mit sich bringt. Keine einfache Aufgabe, denn die Menschen haben große Angst vor dem Virus. Hinzu kommt, dass in vielen Ländern des Nahen Ostens mittlerweile Ausgangssperren gelten, weshalb unsere Mitarbeiter das medizinische Personal in den Krankenhäusern kaum noch erreichen können.

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IS-Häftlinge in Syrien
IS-Häftlinge in Syrien

So hatte er sich seine Zukunft nicht vorgestellt. Ein 39-jähriger Deutscher aus Hamburg mit türkischen Wurzeln, Kampfname Mahmud Schawak, sitzt an einem Dienstagvormittag unübersehbar in einem orangefarbenen Overall gekleidet in einem Nebenzimmer eines zum Gefängnis umgebauten Hochschulgebäudes in der nordsyrischen Stadt Hasaka. Sein magerer, von einem Jahr Durchfall gezeichneter Körper wirkt viel zu groß für den Bürostuhl, auf dem er sitzt.

 

Das Gefängnis, das unter der Kontrolle und Obhut des Dachverbandes »Demokratische Kräfte Syriens« (SDF) steht, ist heute das vorerst letzte Zuhause für etwa 5.000 Männer aus 33 Ländern geworden, die sich zwischen 2012 und 2016 dem »Islamischen Staat« (IS) angeschlossen haben. Sie alle haben Redebedarf. Sie erhoffen sich, genügend Aufmerksamkeit zu bekommen, damit sich ihre Herkunftsländer ihrer Fälle annehmen und sie von hier verschwinden können.

 

Einer von ihnen ist Schawak. Während er nervös seine Hände knetet, an denen die frisch geschnittenen Fingernägel auffallen, erzählt er dem Besucher seine Geschichte. »Am liebsten würde ich mit meinem Kind morgens in Hamburg frische Brötchen beim Bäcker kaufen gehen«, sagt er im Wissen, dass ihm diese Sätze bei einer eventuellen Rückführung später einmal gut zu Gesicht stehen könnten. Wie die meisten männlichen IS-Anhänger zog er sich ab 2018, als die IS-Hauptstadt Raqqa an die Truppen des SDF fiel, mit den anderen Bewohnern des Kalifats südlich entlang des Euphrats zurück. Alle paar Monate verschob sich die Frontlinie, in immer kürzeren Abständen.

 

IS-Häftlinge in Syrien
Mahmud Schawak, ein gebürtiger Hamburger, der sich dem IS anschloss, wartet in einem Nebenraum des Gefängnisses von Hasaka. Seit der Einnahme des letzten IS-Postens im Februar 2019 sitzt der 39-Jährige hier ein. Foto: Philipp Breu

 

Bis im Februar 2019 der Rest des ehemaligen Kalifats, das sich 2015 von Westsyrien bis nahe der irakischen Hauptstadt Bagdad spannte, auf ein einziges Dorf zusammenschrumpfte: Baghuz Fawqani, direkt an der irakischen Grenze. Die letzte Schlacht gegen die fanatischsten Anhänger des IS dauerte vier Wochen.

 

Nicht alle Gotteskrieger wollten sich damals ihrem Schicksal des »Märtyrertodes« abfinden, sondern zogen es vor, sich den Kurden der YPG-Miliz zu ergeben, die innerhalb der SDF die größte Fraktion stellen. Etwa 5.000 Kämpfer nahmen die SDF gefangen. Unter ihnen war auch Schawak. »Die Kurden versprachen uns, dass wir nach zwei Monaten in unsere Heimatländer abgeschoben werden würden«, sagt er und wirkt dabei sichtbar enttäuscht.

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Coronavirus, Revolutionsgarde und US-Sanktionen in Iran
Coronavirus, Revolutionsgarde und US-Sanktionen in Iran

Als Sonboleh im November 2019 ihren Arzt aufsuchte, warnte der sie vor einer seltsamen neuen Grippe, die sich in Iran ausbreite. Damals wusste niemand von Covid-19, dem neuartigen Coronavirus, das chinesische Forscher erst im folgenden Monat den Behörden melden würden. Während der ersten Tage des Ausbruchs hatten die chinesischen Behörden den eigenen Forschern einen Maulkorb verpasst, der internationale Reiseverkehr wurde zunächst unvermindert aufrechterhalten.

 

Erst heute, im Rückblick, fragt sich Sonboleh, 53, ob das Virus bereits Monate vor der Bekanntgabe des ersten Falls in China nach Iran gelangt sein könnte. Im Telefongespräch mit zenith fragt sie sich gar, ob das Virus für den Tod einer ihrer Freundinnen verantwortlich sein könnte, die im Oktober angeblich an der Grippe gestorben war. »Wie kann ich sicher sein, dass sie nicht am Coronavirus gestorben ist« fragt sich Sonboleh, die sich erst bereit erklärte, mit zenith zu sprechen, nachdem ein Verwandter im Ausland den Kontakt hergestellt hatte.

 

Vier Monate nach Sonbolehs Arztbesuch kämpft Iran nun darum, die Pandemie einzudämmen. Bis zum 25. März sind mindestens 2077 Menschen an Covid-19 gestorben, doch Beobachter gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer fünfmal höher sein könnte.

 

Eine Woche vor den Parlamentswahlen vermeldete Qom Irans ersten Covid-19-Fall

 

Auf Satellitenbildern von Mitte März ist deutlich zu erkennen, dass in der Stadt Qom neue Massengräber ausgehoben wurden. Von hier wurde am 19. Februar die erste offiziell bestätigte Corona-Infektion des Landes gemeldet. Die Regierung trägt die Schuld dafür, dass die Stadt damals nicht direkt unter Quarantäne gestellt wurde, um den Ausbruch einzudämmen. Die Behörden hatten befürchtet, dass die Abriegelung der Stadt die Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen eine Woche später, am 25. Februar, behindern würde. Später machte sie das Virus dann für die niedrigste Wahlbeteiligung seit der Revolution 1979 verantwortlich.

 

Hardliner unter den Klerikern – darunter Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei – beschuldigen seitdem öffentlich die USA, das Virus nach Iran eingeführt zu haben. Khameneis Verschwörungstheorien entbehren jeglicher Grundlage. Klar ist aber auch, dass die USA weiter an den Sanktionen gegen Teheran festhalten und eine Einhegung der Pandemie so erschweren. Denn die US-Sanktionen verhindern etwa den Import potenziell lebensrettenden medizinischen Equipments.

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Forensik und Vermisste im Irak
Vermisste im Irak

Aisha serviert Tee im Wohnzimmer. Kein einziger Tropfen schwappt über aus den bis zum Rand gefüllten kleinen Teegläsern; auch nicht, als sich ihre Tochter Jihan an ihre Beine klammert. Aisha wankt nicht. Die Kraft ihrer Arme und ihre sanften Gesten passen nicht so ganz zur Traurigkeit ihrer Augen: Jeden Moment könnte sie in Tränen ausbrechen. Aisha hat viel geweint in den letzten Jahren, jetzt kann sie nur noch warten. Als Profilbild auf Whatsapp hat sie das Konterfei eines Mannes ausgewählt: helle Haut, ein langer Schnurrbart und eine ausgeprägte Stirn, dazu ein tiefgründiger, ernsthafter Blick. »Das ist mein Ehemann«, sagt sie.

 

Aisha ist eine von 7.000 jesidischen Frauen, die seit dem August 2014 von den Extremisten des sogenannten Islamischen Staats (IS) entführt und als Sklaven verkauft wurden. Die Vereinten Nationen stufen diese Gräueltaten als Teil eines versuchten Völkermords an den Jesiden ein. Das Schicksal der Hälfte dieser Frauen ist weiterhin unklar. Niemand weiß, ob sie noch leben, wo sie sich befinden.

 

Bis zu 7.000 jesidische Männer wurden hingerichtet. Ihre Leichen liegen noch immer in den Feldern von Sindschar – in 67 Massengräbern, die ausfindig gemacht wurden, seit die Provinz Nineve im Nordwesten des Irak 2017 vom IS befreit wurde. »Ganz sicher kann ich nicht sein, aber ich gehe davon aus, dass mein Mann getötet wurde«, sagt Aisha. Sie lässt ihr Mobiltelefon nicht aus den Händen, als sie sich auf den Boden ihres kleinen Hauses in Sindschar setzt. Ihre Tochter Jihan bleibt an ihrer Seite und hakt sich bei ihrer Mutter ein.

 

Bis zu 7.000 jesidische Männer ließ der IS hinrichten. Ihre Leichen liegen wohl noch immer in den Feldern von Sindschar.

 

Adhib, Aishas Ehemann und der Vater von Jihan und ihren Schwestern Jamila und Jinan, gilt im Irak als vermisste Person. Im Irak gelten mindestens 250.000 Menschen als vermisst – die Schätzungen reichen bis zu einer Million. Die Geschichte der »Mafqudin« (Verschwundene und Vermisste) umspannt inzwischen 40 Jahre. Sie begann während des Krieges gegen Iran (1980–1988) und dauert noch immer an: »250.000 Vermisste ist die Minimalschätzung«, sagt Fawwaz Abd Al-Amir von der »Internationalen Kommission für vermisste Personen« (ICMP), »auch das ist schon eine riesige Zahl«.

 

Wie groß das Ausmaß des Problems ist, zeigt sich in der zentralen Abteilung für Gerichtsmedizin in Bagdad. In einem großen Lagerraum stapeln sich Hunderte weiße Kisten. Alle sind mit einem Code versehen – täglich kommen Angehörige, um sie abzuholen. Aber leerer wird der Raum nicht. Die Verwaltung der Gerichtsmedizin muss immer wieder zusätzliche Räume für neue Boxen bereitstellen.

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Interview mit Regisseurin Waad al-Kateab über Syrien und Für Sama
Interview mit Regisseurin Waad al-Kateab über Syrien und For Sama

zenith: Als Sie zum ersten Mal Ihre Kamera in die Hand nahmen und mit dem Filmen begannen, dachten Sie da jemals, einen Film wie »Für Sama« zu drehen?

Waad al-Kateab: Überhaupt nicht. Zunächst wollte ich durch das Filmen nur die Wirklichkeit einfangen. Das Regime leugnete ja, dass es die Revolution in Aleppo überhaupt gibt. Für den Fall, dass wir getötet werden, war dies die einzige Möglichkeit, unsere Geschichte zu erzählen. Nachdem wir Aleppo verlassen hatten, dachte ich aber auch noch nicht an einen Film.

 

Auf welche Schwierigkeiten sind Sie gestoßen, über 500 Stunden Filmmaterial auf eine Dokumentation von 100 Minuten Länge zu reduzieren?

Das gesamte Material immer wieder ansehen zu müssen, wie Kinder sterben, all die Emotionen, das war schwer. Aber auch das Schneiden selber. Mit über 500 Stunden Material hätte man so viele Geschichten erzählen können, jede Entscheidung gibt dem Film eine bestimmte Richtung. Gleichzeitig habe ich damit nur wenig Erfahrung. Da ich all das aber selbst erlebt habe, kann ich auch am besten mit dem Material arbeiten. Als wir dann das Material zu einem Film zusammenstellten, wurde mir oft gesagt, niemand interessiere sich mehr für syrische Filme. Ich hielt es trotzdem für sehr wichtig, diesen Film zu zeigen.

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Christen im Nahen Osten
Christen im Nahen Osten

Wenn es jemand geschafft hätte, die Türkei in die Europäische Union zu bringen, dann nur ein Staatsmann vom Schlage Mehmet Emin Ali Paschas (1815-1871). Geschliffene Manieren, verhandlungssicheres Französisch, nachdenkliche Augen, ein schlankes, ebenmäßiges Gesicht: Man muss sich schon fragen, weshalb die europäischen Mächte auf den Plätzen ihrer Hauptstädte allen möglichen Generälen Denkmäler errichteten, aber niemand an ihn gedacht zu haben scheint, den einstigen Botschafter, Außenminister und insgesamt fünffachen Großwesir des Osmanischen Reiches. Als eindeutig pro-westlicher und reformbegeisterter Osmane hätte er es verdient gehabt, dass man ihn in Bronze verewigt. Und sonderlich viel hätte es nicht gekostet, denn Mehmet Emin Ali Pascha war von kleiner Gestalt.

 

Sein Name bleibt mit zwei bedeutenden historischen Ereignissen verbunden: dem Krimkrieg, in dem das Osmanische Reich an der Seite Frankreichs, Großbritanniens und des Königreichs Sardinien gegen Russland siegte; und mit den Staatsreformen, den sogenannten Tanzimat, die das Osmanische Reich im Inneren veränderten.

 

Das bedeutende Reichsedikt (Hatt-i Hümayun) von 1856 trägt Mehmet Emin Ali Paschas Handschrift, weshalb es sich – Experten zufolge – schon sprachlich von anderen osmanischen Erklärungen unterscheidet: konkret, wenig floskelhaft und weitreichend in seinen Konsequenzen. Mit diesem Edikt wollte das Osmanische Reich seine nichtmuslimischen Untertanen als gleiche Bürger anerkennen. Der Sultan gelobte darin, ihre Sicherheit, ihren Besitz und ihre Würde ohne Ansicht ihrer Konfession zu schützen.

 

Für die nicht-muslimischen Minderheiten – erwähnt sind insbesondere Christen und Juden – sollten darüber hinaus alle zuvor erteilten Privilegien und Rechte weiter gelten. Niemand sollte gezwungen werden dürfen, seine Religion zu wechseln, die freie Ausübung des Ritus genoss den besonderen Schutz des Staates. Zur Verwaltung der nichtmuslimischen Glaubensgemeinschaften sollten fortan Kommissionen eingerichtet werden. Die Nicht-Muslime sollten in den Streitkräften dienen; einzelne gesetzliche Bestimmungen würden fürderhin von den Behörden in ihre jeweiligen Sprachen übersetzt.

 

Kirchenfürsten erhielten große Macht über ihre Schutzbefohlenen

 

Der Plan war nicht schlecht, aber in der Rückschau betrachtet ging er wohl nach hinten los. Jedenfalls sofern man ihn an seinen Integrationserfolgen misst. Die damalige osmanische Herrschafts- und Verwaltungspraxis, welche die Reichsuntertanen in Konfessionsgemeinschaften unterteilte, entsprach gewiss dem Zeitgeist. Sie war nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass viele Minderheiten in entlegeneren Landesteilen lebten und sich am besten selbst organisierten: im Osten Anatoliens, am Euphrat, in den Bergen Kurdistans oder des Libanon.

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Türkische Intervention im Kampf um die libysche Hauptstadt Tripolis
Kämpfer an der Front in Tripolis

Bei dem Luftangriff auf eine Militärakademie im Zentrum von Tripolis sind am Samstagabend mindestens 30 Rekruten der Streitkräfte von Libyens Einheitsregierung ums Leben gekommen. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen wie die Rekruten auf dem Exerzierplatz der Hadba-Kaserne zum Abendappell antreten, als eine vermeintliche Rakete zwischen ihnen einschlägt. Über 20 weitere junge Männer liegen mit Verletzungen im Krankenhaus bestätigt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Noch in der Nacht bildeten sich vor mehreren Krankenhäusern lange Schlangen freiwilliger Blutspender, denn in der libyschen Hauptstadt herrscht ein Mangel an Medikamenten, Blutreserven und Verbandsmaterial.

 

Auf einer Pressekonferenz nannte Ahmed Al Mismari, Sprecher der Libysch-Arabischen Armee (LNA) die Akademie und den Flughafen von Tripolis legitime Ziele, da sie »von terroristischen Gruppen und für Waffenlieferungen aus der Türkei genutzt werden.« Dennoch gab Mismari einer Allianz aus Al Kaida, dem so genannten Islamischen Staat und den Muslimbrüdern die Schuld an der Attacke. Mitarbeiter der Militärakademie berichten, dass Trümmerteile eher auf Beschuss durch eine chinesische Wing Loong Drohne deuten, doch unabhängige Ermittler waren nicht vor Ort.

 

Nach dem Einschlag mehrerer Granaten im zivilen Bereich des Tripolitaner Mitiga-Flughafens wurde der Flugverkehr nach der kürzlichen Wiedereröffnung erneut eingestellt. Khalifa Haftar hatte zuvor zu einem Jihad gegen die geplante »türkische Invasion« aufgerufen und gewarnt dass die Häfen und Flughäfen Westlibyens für die türkische Truppenverlegung genutzt würden.

 

Haftars »Libysch Arabische Armee« (LNA) kontrolliert mit der Hilfe Ägyptens, Russlands, den Arabischen Emiraten und Saudi-Arabiens die östliche Cyreneika Provinz und damit die Mehrheit der Ölquellen Libyens. Tripolis und die vom Muammar Al-Gaddafi in die Hauptstadt verlegten staatlichen Institutionen sind hingegen in der Hand von Premier Fayez Serraj, unabhängigen Milizen und westlibyschen Armeeeinheiten. In der Akademie im Stadtteil Hadba werden jungen Männer aus ganz Libyen für den westlibyschen Teil der Armee ausgebildet und der Einheitsregierung unterstellt Haftar will nach seinem Sieg gegen die islamistischen Milizen in Bengasi nun auch Tripolis von den Milizen befreien. Doch in der Akademie sind die nicht stationiert.

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Hadi al-Ameri ist neuer Stabschef der irakischen Paramilitärs
Hadi al-Ameri

Nachdem der Stabschef der irakischen Volksmobilisierung, Abu Mahdi Al-Muhandis, in der Nacht auf den 3. Januar durch einen amerikanischen Drohnenangriff getötet wurde, rückt nun ein erfahrener Politiker und Milizenführer nach. Ich traf ihn einmal im Dezember 2017 in seinem Haus in Bagdad zum Gespräch.

 

Hadi al-Ameri, von seinen Freunden Abu Hassan genannt, bemüht sich nicht um staatsmännisches Auftreten. Seine Umgangsformen sind eher hemdsärmelig. Volksnah und ungeschliffen, könnte man sagen, ohne ihn damit zu beleidigen. Abu Hassan lacht viel und gerne und entblößt dabei eine Lücke zwischen den Schneidezähnen, laut Volksmund ja angeblich ein Merkmal vieler von Natur aus fröhlicher Menschen. Sein grauer Haarschopf ist voll und bürstig geschnitten; der Nacken im Verhältnis so kurz und quadratisch geformt wie der ganze Mann darunter.

 

Den Respekt seiner Anhänger erwarb sich Abu Hassan nicht als politischer Redner oder gar als Intellektueller im Exil. In einer Zeit, in der der spätere Ministerpräsident Nuri al-Maliki im Damaszener Exil saß und sich mit dem Verfassen von Schriften und dem Aufbau oppositioneller Netzwerke befasste, fraß Ameri buchstäblich Dreck, und zwar im bewaffneten Untergrund. Er ist stolz darauf und macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, weswegen er seine Verachtung nicht verhehlt für zwei Arten von Menschen, denen er im Nahen Osten des Öfteren begegnet ist: Vertreter westlicher Regierungen und Intellektuelle.

 

Ameri wurde 1954 in der heutigen Provinz Diyala geboren, einer ethnisch und religiös durchmischten Gegend an der iranischen Grenze, in der Sunniten, Schiiten, Araber, Kurden und Turkmenen leben. Ameri schloss sich früh dem schiitischen Widerstand gegen Saddam Hussein an und trat der Badr-Brigade bei, die bereits im Ersten Golfkrieg zwischen Iran und Irak kämpfte – allerdings auf Seiten der Iraner, im Verbund mit einer schiitischen Exil-Gruppe, die sich »Hoher Rat für die Islamische Revolution im Irak« nannte, aber, anders als die Iraner, keinen direkten Einfluss auf die Operationen der Badr-Brigade ausübte. Was die Badr-Brigade und ihre Anhänger wesentlich von anderen Schiiten im Irak unterschied, war, dass letztere unter dem Saddam-Regime leiden mochten, aber nicht daran dachten, zum Feind überzulaufen. Ohne Zweifel war Ameri ein Dissident, der die iranische Unterstützung nur nutzen wollte, um ein tyrannisches Regime zu stürzen. Aber er überschritt damit dennoch eine Linie, vor der andere zurückwichen.

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Afghanistan 1979 - Ein Essay
Afghanistan 1979 - Ein Essay

Alles begann an einem kalten Wintertag im Dezember 1979. Der Einmarsch in Afghanistan sollte den Hinterhof des Sowjet-Imperiums unter Kontrolle bringen und die Grundlage für die künftige Regionalpolitik Moskaus in Zentralasien legen. Schnell wurde deutlich, dass die Invasion viel weitreichendere Konsequenzen zeitigen würde. Sie wurde zur Schicksalsfrage. Für Afghanistan, für die Sowjetunion, für die Region, für die islamische Welt und darüber hinaus. Es war ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung.

 

Afghanistan war damals klein und arm, doch für ein halbes Jahrhundert herrschte zumindest relative Stabilität. Der letzte König, Muhammad Zahir Schah (1914–2007), regierte das Land über vier Jahrzehnte, ohne dass es nennenswerte Unruhen gegeben hätte. Seine Herrschaft endete, als ihn sein Cousin und Premierminister Muhammad Daoud Khan am 17. Juli 1973 absetzte und ein Präsidialsystem in Afghanistan einführte.

 

Es war ein Coup ohne Blutvergießen – anders als vier Jahre später, als Khan und seine Familie im Zuge des Militärputsches getötet wurden. Politisch stand die »Demokratische Volkspartei Afghanistans« (DVPA) hinter den kommunistischen Putschisten, die wiederum Rückendeckung und Finanzmittel aus Moskau erhielten.

 

Ein Jahr später, im Dezember 1979, wachten Afghanistans Bürger auf und trauten ihren Augen nicht: Auf einmal patrouillierten ausländische Panzer auf den Straßen ihrer Städte. Erst aus dem Radio erfuhren sie, dass die Rote Armee in Afghanistan eingefallen war. Das Land war wie vor den Kopf gestoßen und zunächst ratlos, was vor sich ging.

 

Bald darauf war das Land gespalten. Millionen Afghanen befürworteten die sich formende kommunistische Regierung. Nicht nur, weil sie mit Moskaus Unterstützung direkte militärische Kontrolle ausübte, sondern auch, weil sie viel versprach: Jobs, ein gerechtes Sozialsystem, Fortschritt und Bildung. Für Millionen anderer Afghanen waren das lediglich Worthülsen. Sie nahmen die Regierung in Kabul als Lakaien der Sowjets wahr. Als eine Besatzungsmacht, die gerade in ein islamisches Land einmarschiert war.

 

Über das Land verteilt formierte sich der Widerstand, wenn auch zunächst sporadisch. Hunderte junge Männer begannen, die Soldaten der Roten Armee und ihre afghanischen Verbündeten anzugreifen. Die harten Vergeltungsmaßnahmen, darunter Folter und Massenerschießungen, verschafften dem Widerstand nur noch mehr Zulauf. Je mehr Menschen das Regime in Kabul einsperren ließ, desto schneller stiegen die Mitgliederzahlen der Widerstandsgruppen. Bald waren es Zehntausende.

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Afghanische Ortskräfte in Deutschland
Bundeswehrsoldaten beim Einsatz in Afghanistan.

zenith: Herr Grotian, warum sind Ortskräfte so wichtig für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan?

Marcus Grotian: Wenn man Ziele im Ausland erreichen will, braucht man immer Leute, die die Sprache sprechen und die Strukturen vor Ort kennen. Mit wem spricht man überhaupt? Für solche Fragen sind erfahrene und verlässliche Ortskräfte unabdingbar. In Spitzenzeiten waren bei der Bundeswehr 1.500-2.000 Ortskräfte im Einsatz. Heute immerhin noch circa 500. Noch größer ist die Zahl bei Ministerien oder in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

 

Welche Aufgaben übernehmen Ortskräfte?

Ortskräfte werden oft als reine Übersetzer wahrgenommen. Aber die Tätigkeiten sind vielfältiger: Sie arbeiten als Wachen, Köche oder auch also sogenannte Fixer (Organisatoren), sie ermöglichen also eine Vielzahl von logistischen Aufgaben. Eine Wache, die mit einem Gewehr in der Hand unser Lager bewacht, spricht vielleicht kein Deutsch oder Englisch, ist aber immer noch eine Ortskraft, die für uns im Einsatz ist. 

 

Wie lief die Zusammenarbeit mit den afghanischen Ortskräften und der Bundeswehr?

Ich war selbst mit einem Truppenverband in Afghanistan, der viel mit Ortkräften operiert hat. Auch wenn ich selbst nur wenig direkt mit ihnen zu tun hatte, verdanken viele meiner Kameraden den Ortskräften ihr Leben. Das Vertrauensverhältnis ist eng. 

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