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Lesezeit: 4 Minuten
Syrer in Deutschland

Wie ticken wir denn?

Kommentar
Filmausschnitt aus der Dokumentation »Watani – My Homeland« über eine Familie aus Aleppo in Deutschland
Filmausschnitt aus der Dokumentation »Watani – My Homeland« über eine Familie aus Aleppo in Deutschland Watani – My Homeland

Kristin Helberg spricht in ihrem Buch über Syrer in Deutschland. Aber eigentlich noch viel mehr von den Chancen und Möglichkeiten ihrer Migration. Ein Buch mit Do-it-yourself-Potenzial.

Warum haben so viele Menschen in Deutschland Angst vor den Syrern? Was erwarten wir von ihnen – und was erhoffen sie sich von uns? Welche Kulturschocks sind unvermeidbar? Und was muss passieren, damit die syrische Katastrophe nicht zu einer deutschen wird?

 

Diese Fragen bewogen Kristin Helberg zu ihrem umsichtigen Sachbuch mit dem Titel »Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns«. Denn im Laufe der letzten Jahre machte Helberg selbst eine mitunter verzerrende Metamorphose durch: von einer Nahost-Korrespondentin zur »Syrien-Expertin« und schließlich zur »Expertin für Syrer«. Und mit ihrem profunden Wissen über die Lebensart und soziale Wirklichkeit in Syrien hilft sie nicht nur bei der Suche nach Antworten, sondern macht diesen selbstheftenden Etiketten zugleich alle Ehre. Denn sie blickt nicht allein zurück auf ihre Erfahrungen als Korrespondentin in dem Land, sondern lässt Anekdoten aus ihrem eigenen Familienleben einfließen – und wagt einen konstruktiven Blick in die Zukunft unserer Gesellschaft.

 

Letzten Endes schwingt bei allen Fragen, die den Umgang der Deutschen mit »den Anderen« betreffen, ein grundlegender Aspekt unmissverständlich mit: Wer oder was ist überhaupt »deutsch«? Denn eines steht fest: Jahrelang war eine Selbstverständigung über diese Identitätsfrage nicht nötig. In der Konfrontation mit den Geflüchteten und ihren Eigenheiten stellt sich diese Frage jedoch von neuem. Kristin Helberg greift auch vor allem diesen Punkt hellsichtig auf und bescheinigt offene Wege und kreative Umgangsweisen fernab von rhetorischen Sprengfallen à la Leitkultur.

 

Die Geflüchteten sollen sich in etwas integrieren, von dem wir selbst nicht so genau wissen, was es ist.

 

Ein großes Verdienst von Helbergs Buch, das im August 2016 erschien, liegt denn auch darin, dass sie die Brisanz des neuen Miteinanders in Deutschland auf dem aktuellsten Stand analysiert: Die jüngsten Fakten und Entwicklungen rund um die Silvesternacht von Köln greift sie ebenso auf wie die Debatten um Schwimmbadverbote und Bekleidungsvorschriften. Sie wirbt dabei für mehr Verständnis und Offenheit auf beiden Seiten. Doch natürlich richtet sich ihr Buch zuallererst an die einheimische Bevölkerung hier in Deutschland. Helberg mahnt Behutsamkeit und Geduld bei der Annäherung an, ohne jedoch zu nachsichtig mit den kulturellen Gepflogenheiten der Neuankömmlinge umzugehen.

 

In diesen Punkten, da die Autorin nicht allein die unterschiedlichen »verzerrten Sichtweisen« aufeinander erklärt, sondern Möglichkeiten anspricht, wie das neue gemeinschaftliche Leben anders und besser zu meistern wäre, entfaltet Helbergs Buch ein immenses Do-it-yourself-Potenzial für all die ehrenamtlich engagierten Menschen in diesem Land. Ihre Hinweise vermögen in der Tat, Fettnäpfchen zu vermeiden, Enttäuschungen vorzubeugen und Gefahren rechtzeitig zu entschärfen.

 

Des grundlegenden Problems ihrer Erläuterungen ist sich die Autorin dabei bewusst: »Das Buch lebt von Klischees und Verallgemeinerungen, die es eigentlich auflösen und entlarven möchte.« Dennoch gelingt ihr durchweg ein ausgleichender Ton. Letztlich weiß auch der Leser, dass sich unsere Realität wie ein Mosaik aus lauter Bruchteilen solcher Stereotype zusammensetzt. Und eben diese Narrative, die auch unsere eigene Identität bestimmen, hilft das Buch klar vor Augen zu führen. Individualismus und Humanismus sind die zwei großen Säulen der europäischen Kultur. Und danach werden auch die Angebote zur Integration und Annäherung geformt. Doch die Menschen aus Syrien »kommen aus einer Kollektivgesellschaft und werden hier mit einer individualisierten Lebensweise konfrontiert.«

 

»Mut zum Bekenntnis«: Sieben Punkte für ein gelungenes Zusammenleben

 

Allerdings liegt neben der großen Stärke des Werks eben darin auch seine Schwäche. Die Ausführungen sind zwischen den beiden Buchdeckeln gut aufgehoben, doch braucht es weiterbildende Angebote, um die Fülle an Erkenntnissen und Anregungen auch tatsächlich weiterzutragen. Für Multiplikatoren sind Helbergs Sichtweisen ein Muss. Damit die vielen Ehrenamtlichen von dieser Fülle an Informationen jedoch nicht erschlagen werden, braucht es die Übersetzung in praktische Maßnahmen.

 

So münden Helbergs Rekapitulation des Konfliktes in Syrien und ihre Analyse der neuen, von Angst geprägten Situation in Deutschland in ein Sieben-Punkte-Programm, das mit »Mut zum Bekenntnis« überschrieben ist. Neben einem gelasseneren und differenzierten Umgang miteinander fordert sie hierin ganz konkrete Maßnahmen von Seiten der Politik: Einwanderungsgesetz statt Verschärfung des Asylrechts, weg von Nothilfe zu mehr Existenzförderung sowie Moscheen und Gemeindezentren noch stärker als Orte der Solidarität und des Zusammenkommens zu nutzen. »Vielfalt in Einheit« wünscht sich Kristin Helberg für Deutschland. Und dass seine Einwohner ein Land erhalten, das »Freiheit gewährt und Toleranz lehrt, das allen Menschen die gleichen Rechte garantiert und Andersartigkeit als Bereicherung und nicht als Gefahr begreift.«


»Verzerrte Sichtweisen« von Kristin Helberg

Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns
Von Ängsten, Missverständnissen und einem veränderten Land
Kristin Helberg
Herder Verlag, 2016
272 Seiten, 24,99 Euro

Von: 
Ruben Schenzle